• „Gelbe Briefe“ Film von Ilker Çatak

    Ein deutscher Film erhält den Goldenen Bären der Berlinale 2026

    Wenn bei uns gelbe Briefe eintreffen, bedeuten sie auch meist nichts Gutes, denn sie kommen von Staatsanwaltschaften oder Gerichten. In der Türkei werden in gelben Umschlägen Entlassungsbriefe verschickt. Die Hauptfiguren Derya und Aziz erhalten solche Schreiben und verlieren gleich beide ihre Arbeit am Staatstheater und an der Universität in Ankara. „Gelbe Briefe“ erzählt die Geschichte der Familie einer erfolgreichen Schauspielerin und eines Dramaturgen sowie Uni-Professors, deren Lebengrundlage ihnen plötzlich mit fadenscheinigen Argumenten entzogen wird. Das Paar lebt mit einer pubertierenden Tochter in einem despotischen System, in dem kritische Stimmen zwar nicht getötet, aber durch Job-Verlust zum Schweigen gebracht werden. Wie soll man weitermachen?  Weiterhin ideologisch korrekt das System kritisieren oder sich an die Verhältnisse anpassen?

    Diese beiden Pole werden in der Beziehung von Derya und Aziz kontrovers, aggressiv, aber klug ausdiskutiert. „Meinst du immer noch, du kannst mit Kunst die Welt retten?“ fragt die Tochter den Vater. Letztlich nimmt Derya das Angebot einer lukrativen Rolle in einer Serie an, obwohl diese bei einem systemkonformen Sender läuft und sie ihre politischen Social-Media-Einträge löschen soll. Azis bleibt konsequent bei seiner kritischen Weltverbesserungs-Überzeugung. Der Unterschied der Einkommen bleibt folgerichtig auch nicht ohne Auswirkungen auf die Beziehung.

    „Gelbe Briefe“ sollte ursprünglich als türkischer Film komplett auf türkisch und auch in der Türkei vorbereitet und gedreht werden. Doch in den knapp 5 Jahren der Arbeit an dem Film änderte sich die politische und soziale Realität so, dass Regisseur Ilker Çatak, der seit Kindheit in Deutschland lebte, studierte und arbeitete, diese Sicht deutlich von außerhalb des Systems erzählen wollte. Reale Geschichten von Entlassungen und sogar Verhaftungen aus geringen konstruierten Anlässen waren ihm persönlich berichtet worden und Anlass für den Film. Letztlich entschied er sich für den Kunstgriff, dass die Produktion nach Deutschland verlegt werden sollte. So sehen wir jetzt Einblendungen: „Berlin ist Ankara“ und „Hamburg ist Istanbul“ und schon ist die Elbphilharmonie deutlich im Hintergrund, während in der Handlung die Darsteller mit dem Boot über den Bosporus fahren. Das irritiert und führt gleichzeitig zu Aufmerksamkeit.

    Die konfliktreichen Dialoge werden excellent von Tansu Biçer und Özgü Namal schauspielerisch umgesetzt. Beide sind gefeierte Schauspieler in der Türkei, was dem Film hochgradige Kompetenz verschafft. Die Ambivalenz und Zerrissenheit der Rollen werden fantastisch spürbar dargestellt.

    Doch dieser Film ist mehr als eine Beziehungsgeschichte in der Türkei. Es ist eine angstauslösende Botschaft, denkt man darüber nach, was jedem einzelnen von uns angesichts drohender politischer Wendungen passieren kann. Die Möglichkeit ist in letzter Zeit so nah gerückt, dass wir sie nicht einfach verdrängen können. Auch durch die Verzahnung der Orte im Film rückt die Handlung näher an unsere eigene Realität heran.

    Handwerklich ist „Gelbe Briefe“ in Regie, Kameraführung, Bild, Schnitt, Sprache und Ton perfekt sowie inhaltlich eine großartige Bereicherung, die fasziniert und erscheckt zugleich. Ein Kunstwerk!

    Die Berlinale ist das bedeutendste Filmfestival Deutschlands, das international hohe Aufmerksamkeit genießt. Dass nach 2004, als Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ gewann, jetzt endlich wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären bekommt,  ist hoch erfreulich. Jury-Präsident Wim Wenders bestätigt in seiner Laudatio den „Gelben Briefen“ internationales Niveau und Aussagekraft.

    INTERVIEW:

    INArtberlin sprach mit Luzie Lohmeyer (Prokuristin und Geschäftsführung bei IF-production) direkt nach der Preisverleihung:

    I.B. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Goldenen Bären! Ihre Produktiomsfirma IF…production (Ingo Fliess) ist ja ein recht kleines Unternehmen und jetzt haben Sie nach der Oscar-Nominierung für „Lehrerzimmer“ im letzten Jahr schon wieder ein Meisterwerk produziert!

    L.L.: „Wir sind total glücklich, doch es war eine hervorragende intensive Arbeit nicht nur von Ilker Çatak, sondern auch von unserem hoch motivierten Team, das sich während der Zeit immer wieder hinterfragt und so verbessert hat.“

    I.B.: Sie sind diejenige, die stets dafür sorgt, dass die organisatorische und besonders finanzielle Situation des Projektes gesichert ist?

    L.L.: „Genau, ich bin für die Zahlen verantwortlich. Das funktioniert nicht nur, weil ich Mathematikerin bin, sondern auch ein großes Herz für unsere Filmprojekte habe. Man muss sich hohe Kompetenzen über die Projekte verschaffen, um bei den Förderanträgen und Investoren gut zu argumentieren.

    Die Kalkulation der „Gelben Briefe“ war zunächst komplett geregelt, als Ilker plötzlich die Idee hatte, die Produktion aus der Türkei nach Deutschland zu verlegen. Das bedeutete auf einen Schlag eine Verdreifachung des notwendigen Budgets. Er überzeugte uns jedoch alle im Team, weil wir den Sinn inhaltlich nachvollziehen konnten. So war es für mich auch nicht so schwer, das den Geldgebern kompetent zu vermitteln. Natürlich zog auch die Oscar-Nominierung vom „Lehrerzimmer“, das ja auch von Ilker Çatak inszeniert war. Allerdings bedeutete dieser Erfolg auch eine große Herrausforderung. Konnte ein zweites Mal ein solches Kunststück gelingen? Das Lehrerzimmer durfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Erst seit heute mit dem Goldenen Bären ist diese Angst bei uns allen zerstreut worden.“

    I.B.: Auffällig ist, dass überall nach staatlichen Fördergeldern gerufen wird.

    L.L: „Es stimmt, dass ohne solche Fördergelder kein Film produziert werden kann. Schließlich müssen hohe Summen im Vorfeld für den Prodiktionsprozess aufgewendet werden, bevor Einnahmen entstehen. Viele Menschen müssen ihren Lebensunterhalt in den Jahren der Produktion bestreiten. Hervorragende Schauspieler bekommt man auch nicht für kleine Gagen. Und ich kann wohl am besten beurteilen, wieviel unsichtbare Kosten anfallen: Hotelkosten, Flüge, Unterbringung von Kindern oder auch für Arbeitsgenehmigungen und noch viel mehr. Durch die Produktionsverlegung musste beispielsweise für jeden türkischen Mitarbeitenden ein Arbeitsvisum beantragt werden. Das größte Problem bleibt aber, dass aktuell die Kosten enorm gestiegen sind, doch die Höhe der Fördersummen stehen bleibt.“

    I.B.: Wie hat es mit dem Film begonnen?

    L.L.: „Wir machen Autorenfilme, was bedeutet, dass wir an erster Stelle unseren Autoren vertrauen! Ilker Çatak kam mit der Geschichte vor fast 5 Jahren zu uns. Doch es herrscht kein blindes Vertrauen trotz seiner tollen vorherigen Erfolge. Er sucht aber sowieso stets einen konstruktiven Dialog mit uns, ist dabei super empathisch und kooperativ mit allen Beteiligten. Eine Zeit lang es gab es sogar gemeinsame Zweifel, ob die Thematik überhaupt einen großen Film trägt. Doch die politische Realität hat dies immer eindrücklicher bestätigt. Das Filmthema wuchs enorm an aktueller Bedeutung während der Produktionszeit.

    I.B.: Machen Sie sich Sorgen um die Schauspieler, die ja weiterhin in der Türkei leben?

    L.L.: „Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn der Film soll ja auch in der Türkei gezeigt werden. Das wurde mehrfach mit allen offen kommuniziert. Aktuell stehen alle hinter dem Projekt und es besteht die Hoffnung, dass eine internationale erfolgreiche Sichtbarkeit auch ein Schutz sein kann. Der Goldene Bär ist dafür hoffentlich der erste Faktor.“

    I.B. Nochmals herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für das Gespräch.

    Kinostart in Deutschland: 5. März 2026. Achtung: Wenn dieser deutsche Film in einem Kino als „OmU“ (Original mit Untertiteln) angekündigt wird, ist das Türkisch, aber auch ohne Sprachkenntnisse spannend, weil noch authentischer.

  • Günther Uecker

    „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden…“

    Sein Markenzeichen sind die Objekte, in denen er seine ganze physische Kraft für immer fixierte, indem er Nägel in Holz hämmerte, die jedoch danach ganz subtile tiefsinnige Kunstwerke verkörpern.

    Günter Uecker konzipierte die Schau „Die Verletzlichkeit der Welt im Arp-Museum Rolandseck bei Bonn noch selbst kurz bevor er im vergangenen Jahr am 10. Juni 95jährig starb. Uecker reiste sein Leben lang in unterschiedlichste Regionen der Welt, meist dorthin, wo Spannungen das Leben beeinfussten. So berichtet sein Sohn Jakob bei der Eröffnung. Sein Vater wollte stets Kunst an Orte bringen, wo man es nicht erwartet: Kairo, Libyen, die Navaro-Reservate, Sibirien, die Mongolei, China, den Iran oder Sri Lanka. Zuletzt wollte er unbedingt nach Tadschikistan, wohin ihn sein Sohn begleitete.

    Mit dieser Ausstellung schließt sich auch ein Kreis, denn schon 1964, in dem Jahr seiner Documenta-Teilnahme, war es Günther Uecker, der mit seiner künstlerischen Intervention den Bahnhof Rolandseck symbolisch für die Kunst „in Besitz nahm“ und vor dem Abriss rettete. Er schlug vom Vorplatz beginnend bis zur obersten Treppenstufe des Bahnhofsgebäudes eine Nagelspur ein. Sein Freund Johannes Wasmuth hatte diesen malerischen Ort, der schon immer wegen der wunderbaren Aussicht auf den Rhein Künstler-Bahnhof hieß, entdeckt. Nach vielen Jahren komplettiert jetzt seit 2007 das Arp-Museum den markanten Kunst-Standort.

    Die Ausstellung zeigt zunächst eine Auswahl von Möbelstücken, die Uecker in typischer Art „benagelt“ hat. Darunter ist auch eine Nähmaschine als Hommage an Pina Bausch. Tatsächlich hatte die Tänzerin und Choreografin hierauf Kostüme für ihre Inszenierungen genäht und sie ihm geschenkt.

    „Mein Vater hat stets ohne vorherige Zeichnung und ohne Pausen die Nägel in seine Werke geschlagen. Die besonderen Winkel und Anordnungen entstanden direkt und ohne Korrektur. Ja, das war schwer und er war dann auch erschöpft.“

    Die Sandmühle, das kinetische Objekt als Zeichen für die Vergänglichkeit der Zeit, aber auch stetige Erneuerung der Natur füllt als ikonische Arbeit von Günther Uecker einen ganzen Raum. Dort herrscht eine meditative, fast andächtige Stille. Diese philosophische Seite des Künstlers kennen wir bereits aus dem Andachtsraum im Berliner Bundestag.

    Eine weitere zentrale Gruppe an Kunstwerken handelt von den Verletzungen, die Menschen andere Menschen zufügen: „Verletzen und verbinden“.  Symbolisch zerschlug Uecker einen Bettrahmen und legte ihm dnach Mull-Binden-Verbände an, um durch Kunst die Welt zu heilen.

    Hierzu gehört auch „Denk ich an Deutschland“. Die starken Holzbalken sind zerbrochen und nur notdürftig verbunden, alles hängt nur an einem dünnen Seil. Er bezieht sich auf Heinrich Heines „Nachtgedanken“ (1844) und ist damit extrem aktuell:

    „Denk ich an Deutschland in der Nacht,

    Dann bin ich um den Schlaf gebracht,

    Ich kann nicht mehr die Augen schließen.

    Und meine heißen Tränen fließen.“

    Günter Uecker war viel mehr als ein Nagel-Künstler. Alles, was er schuf, in der Werkstatt, mit seinen perfomativen Auftritten oder Installationen war hochpolitisch und immer aus der Überzeugung geboren, dass Kunst die Welt verbessern kann. Zitat:

    „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit der Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.“ (2025)

    Günther Uecker: „Die Verletzlichkeit der Welt“, Arp-Museum Rolandseck, 8. Februar bis 14.Juni 2026
     

  • Huguette Caland

    „A Life in a few Lines“

    Manchmal geht man in eine Kunstausstellung, weil man gerade in einer Stadt ist und Vertrauen in die Auswahl der jeweiligen Museums-direktor*Innen oder Kurator*Innen hat. Dann ergibt sich plötzlich das beglückende Erlebnis, eine bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, deren Werke wirklich überraschen und berühren. So passiert: zuletzt in den Deichtorhallen in Hamburg mit der Libanesin Huguette Caland (1931-2019).

    Zunächst ziehen ihre farbigen, Pop-Artigen Gemälde den Blick auf sich, deren Abstraktion noch ursprüngliche Formen von z.B. Häusern aufweisen.

    Doch die Malerin thematisierte auch offen weibliche Körperlichkeit. Ihre Frauenfiguren bestehen zwar meist fragmentiert aus einzelnen Körperteilen, doch alle stellen weibliche üppige Rundungen hoch attraktiv dar. Ein Bild mit zwei deutlichen Po-Rundungen nannte sie ironisch „Selbstportrait“. Erkennbar ist eine Künstlerin, die ihre Körperfülle mit Stolz und Erotik dargestellt hat.

    Calands Kunst und ihre Lebensgeschichte sind intensiv miteinander verwoben.

    Sie war eine Vorreiterin für die Selbstbestimmung der Frau, unabhängig von religiösen, politischen oder kulturellen Vorschriften. 1931 zur Zeit ihrer Geburt in Beirut, bekam Huguette Caland diesen französischen Vornamen, weil sich der Libanon noch unter französischer Herrschaft befand und dies auch eine Amtssprache war. Der Libanon ist schon traditionell kein ausschließlich muslimischer Staat, sondern hat einen hohen Anteil von Menschen mit christlicher Religion. Die Künstlerin wuchs daher in einem kulturellen Spannungsfeld zwischen Islam, Christentum und westlich europäischem Einfluss auf, doch sie nahm von keinem irgendwelche Einschränkungen für Frauen einfach hin.

    Seit 1943 war ihr Vater nach Abzug der Franzosen erster Präsident in dem neuen unabhängigen Libanon. Huguettes Heirat mit einem Franzosen und außerdem Sohn eines politischen Gegenspielers des Vaters 1952 war ein deutliches Statement weiblicher Selbstbestimmung. Nach dem Tod des Vaters 1964 fing sie ein Studium an der amerikanischen Uni in Beirut an. Doch der Freiheitswille war so groß, dass Huguette Caland 1970 trotz 3 Kindern einfach aus ihrer Familie verschwand und nach Paris zog, wo sie ihre Kunst ausgiebig entfaltete und Liebhaber hatte.

    1979 entwarf Caland für Pierre Cardin klassische Kaftane, jedoch mit modernen, provokativ erotischen Andeutungen im Design. Sie selbst trug konsequent Kaftane, egal in welcher Kultur sie gerade lebte.

    Viele der Kunstwerke sind auf textilen teils sehr zarten Geweben gemalt oder apliziert, wobei einige Motive an Hundertwasser oder Klimt erinnern.

    Ihr zeichnerisches Werk aus zarten Linien beweist aber auch ihr ausgezeichnetes Talent und die professionelle Ausbildung an Hochschulen.

    1987 zog die Künstlerin in die USA. Inzwischen lebte und studierte dort ihr Sohn. Dort habe sie es jedoch sehr schwer gehabt, als Künstlerin anerkannt zu werden. Galeristen hätten sich kaum dazu entscheiden können, eine Frau zu präsentieren, selbst wenn sie ihre Bilder bewunderten.

    Letztlich zog Huguette Caland 2013 wieder nach Beirut, um ihren -immer noch- Ehemann bis zu seinem baldigen Tod noch zu begleiten. Sie blieb im Libanon – weiterhin künstlerisch hoch aktiv-  bis sie selbst 2019 starb.

    Viele der Werkgruppen weisen eine hohe Anziehungskraft auf, jede auf eine andere Art. Sowohl die quadratischen Alltags-Kollagen, als auch die großartigen akribisch gezeichneten mystisch-fantasievollen Figuretten sind besondere Kostbarkeiten. Insgesamt besticht die feinsinnige einfühlsame Vielfalt an Techniken und Ausdrucksfähigkeit. Der Titel bescheibt es: Feine Linien erzählen ein feministisch multikulturell fröhlich gelebtes Leben!

    Huguette Caland: „A Life in a few Lines“, Deichtorhallen Hamburg, 24.Okt. 2025 bis 26. April 2026

  • Dystopes Nichts und technologische Worthülsen

    Pierre Huyghe „Liminals“

    Im legendären Berliner Club Berghain stellt die LAS-Stiftung ein Werk von Pierre Huyghe aus. Auf einer riesigen Leinwand in der großen Halle läuft in tiefer Dunkelheit ein Video, in dem eine nackte weibliche Person in einer dystopen grauen Landschaft zwischen steinigen, teils sich bewegenden Formationen orientierungslos kriecht, geht oder stolpert. Das Wesen besitzt statt eines Gesichtes nur ein großes schwarzes Loch im Kopf. Dazu sind Geräusche zu hören, die an- und abschwellen, teils extrem laut und schmerzhaft im Ohr.

    Im Informationsblatt stehen als Erklärungen Ausdücke wie: „Konzepte des Ungewissen“, „Moderner Mythos“, „Tanz der Materie“, „Etwas radikal Fremdes“, „Von Unbestimmtheit und Vielfachheit geprägte Quantenrealität“. „Ein nicht existierendes Wesen“, „eine Seelenlandschaft“, „ein auf Quantenrauschen basierendes KI-Modell“.

    Zitat des Künstlers: „Die Figur ist ein hybrides Wesen, eine unendliche Membran, die von Leere geformt wurde.“ Das trifft es im Grunde genau: kein Kunstwerk, sondern lediglich sinnlose Leere!

    Liminal (ohne s, weil ohne Sound) war bereits in Venedig 2024 in der Pinault-Collection in der Punta della Dogana installiert, dort jedoch in Kombinaltion mit Schaukästen, die real Steine und Puppenhände enthielten ähnlich den Szenarien des Films. Ebenso gab es einen interessanten älteren Film, in dem sich ein Affe mit der Maske eines jungen Mädchens in unbewohnten Häusern nach atomarer Zerstörung menschenähnlich bewegte und verhielt. In einem weiteren Werk waren Szenen wie auf einem fernen Planeten zu sehen, wo Krähne und Maschinen zwischen menschlichen Skeletten eine Art Eigenleben führen, die Erde offenbar nach der Apokalypse übernommen haben. Liminal konnte in diesem Zusammenhang vielleicht noch eine Bedeutung zeigen als Gegenüberstellung des Menschen ohne Persönlichkeit in seiner puren Animalität im Kontrast zu dem Affen mit einer gewissen Vermenschlichung. Doch es blieben auch hier mehr offene Fragen zurück und keinerlei emotionales Kunsterlebnis.

    Jetzt im Berghain sei es eine Weiterentwicklung des Projektes: nämlich mit Sound! Und dieser sei von einem Quantencomputer hergestellt worden! Allerdings ist zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, warum die Geräusche nicht auf herkömmliche Weise erzeugt werden konnten.

    Pierre Huyghe kam nachweislich mit der Quantenphysik während seiner Teilnahme an der Documenta 13 (2012) in Kontakt. Der spätere Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Wien zeigte dort eine Präsentation seiner Forschung über Quantentheorie mit Ausblick auf technologische Anwendungen. Wie die Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev bei der 70-Jahrfeier der Documenta in Kassel letztes Jahr berichtete, bot Anton Zeilinger mehrfach abends nach Schließung der Türen Seminare über Quantenphysik für die Künstler*Innen an; für kreative Köpfe garantiert inspirierend, doch vielleicht auch ein Sackgasse?

    Für Liminals beriet sich Pierre Huyghe  mit dem Direktor des Instituts für Quantenkontrolle am Forschungszentrum Jülich, Tommaso Calarco, von dem ein recht passendes Zitat in der Presseinformation zu finden ist: „Fast alle Menschen haben bislang ohne Quantentechnologien gelebt, aber kein Mensch könnte je ohne Kunst leben.“

    Dem kann man sich nur anschließen! Doch im Gegensatz zu früheren Arbeiten von Pierre Huyghe -beispielsweise 2017 bei den Skulpturenprojekten Münster- läßt Liminals jegliche künstlerische Ausstrahlung vermissen.

    Pierre Huyghe: „Liminals“ , Berghain, Berlin, 23.Jan. bis 8. März 2026

  • OULU 2026-Kulturhauptstadt Europas

    Wo liegt das und was gibt es zu entdecken?

    Oulu ist mit seinen etwa 220.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt der EU und wird als Europäische Kulturhauptstadt 2026 das diesjährige Highlight des Nordens für die Kunstwelt. Oulu liegt im Norden Finnlands, noch eine Stunde Flugzeit von Helsinki entfernt kurz vor dem nördlichen Polarkreis. Für die Menschen in Oulu gehören Schnee und Eis zu ihrem genuinen Leben dazu, so dass sie das arktische Klima nicht nur in ihr Motto „Kultureller Klimawandel“ einbauen, sondern auch celebrieren. Geplant für 2026 sind aber nicht nur Beiträge wie das Schneeskulpturen-Fest im Februar, Konzerte mit Instrumenten aus Eis, Eisschwimmen und Lichtinstallationen auf gefrorenen Seen.

    Im europäischen Kulturstadtjahr werden die Menschen – wie beispielsweise letztes Jahr in Chemnitz-  viele Feste für und mit der eigenen Bevölkerung feiern. Doch es sind in Oulu auch großartige künstlerische Ereignisse und Ausstellungen geplant. Schon zur Eröffnungsfeier bei Minusgraden und Schneesturm begannen die ersten Ausstellungen.

    Samu Forsblom, Programmdirektor von Oulu 2026 betonte gegenüber Inartberlin, dass es auch eine ganz besondere Weltmeisterschaft in Oulu gebe: die „Air Guitar World Championships“ im August und auch viel Jazz- und Metal-Musik.

    Ausstellungen im Museum:

    Das Oulu-Art-Museum ist Europas nördlichstes Museum für Contemporary Art und hält 2026 drei große Ausstellungs-Blöcke bereit. Den Anfang macht die Ausstellung

    Eanangiella – Voice of the Earth

    Sie zeigt die Tradition, das Leben und die Kunst der Sami, der indigenen Bevölkerung im Norden Europas. Im finnischen Territorium leben etwa 10.000 der insgesamt etwa 90-140.000 Angehörigen dieser ethnischen Minderheit. Der größere Anteil lebt in Norwegen, einige auch in Schweden und Russland.

    Viele erinnern sich vielleicht noch an die Sami-Kunstwerke auf der Biennale Venedig 2022, wo sie den kompletten Nordischen Pavillon füllten. Außerdem hatte auf der Documenta 14 Maret Anne Sara in eindruckvollen Kunstwerken die Problematik der Rentierzucht, von der viele Sami traditionell auch heute leben, thematisiert. Daraus ist zu schließen, dass wir Besucher*innen auch in Oulu nicht ausschließlich Kunsthandwerk zu sehen bekommen. Moderne Tanzvorführungen sind auf jeden Fall schon angekündigt.

    Mode der Zukunft

    ist der zweite Themenschwerpunkt des Museums vom 22.5.–11.10.2026. Die Garderobe von morgen soll nachhaltig sein und aus nachwachsenden natürlichen Materialien bestehen. Doch hier zeigen Modemacher auch künstlerisch gestaltete Mode, die nicht immer tragbar sein muss. Die kreative Arbeit von Modedesignern auf multidimensionale Weise zu präsentieren, fordert und definiert die Grenzen der Mode neu. Ein ähnliches Projekt wurde Ende letzten Jahres bereits im Emma-Museum Espoo gezeigt.

    Ein Teil des Projektes wird von dem führenden japanischen Couture-Designer und Fotografen

    YUIMA NAKAZATO gestaltet. „Die Ausstellung zeigt drei Kollektionen von Nakazato, die jeweils aus seinen Feldforschungen rund um den Globus entstanden sind. In seinen Arbeiten nutzt Nakazato bahnbrechende Techniken, erforscht Themen, die Jahrhunderte der Erdgeschichte umspannen, und vertieft sein Verständnis für lokale Kulturen und Traditionen. Während der Vorbereitungen für diese Ausstellung reiste Nakazato in den Norden Lapplands. Dort fand er Inspiration für seine Herbst-/Winterkollektion 2025–26:  GLACIER wurde auf der Paris Haute Couture Fashion Week präsentiert und kommt jetzt nach Oulu.

    Out of Time

    Out of Time ist vom 30.10.2026–28.3.2027 der dritte Part im Kunstmuseum Oulo. Es ist eine „Ausstellung über eine Zeit, in der die Realität eine Anhäufung paralleler und sich überschneidender Ereignisse ist; eine Zeit, in der sich die Ordnung, die unsere Realität definiert, im Wandel zu befinden scheint. Soziale Polarisierung und technologischer Wandel prägen seit langem die westliche Welt. Nun scheinen die vertrauten Strukturen der Gesellschaft – wie Demokratie und öffentliche Institutionen- auf die Probe gestellt und verändert zu werden. Wie leben wir auf dem Bildschirm und wie sieht die Realität außerhalb des Bildschirms aus? Was bewirkt dies bei uns und wie können wir die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen?“  Selina Väliheikki, Ausstellungskuratorin am Kunstmuseum Oulu erläutert diese offiziellen Formulierungen gegenüber Inartberlin: „Die künstlerischen Positionen stellen unsere  Situation ungefähr wie eine posstraumatische Belastungsstörung dar, wie sie nach Kriegen oder Katastrophen entsteht und wie sie verarbeitet werden könnte.“

    Climat Clock, ein Kunstpfad durch die Natur

    Das größte dauerhafte öffentliche Kunstprojekt außerhalb des Museums wird laut Samu Forsblom am 11. und 12. Juni eingeweiht: Climate Clock ist eine multicentrische Ausstellung in verschiedenen Teilen von Oulu und Umgebung. „Ziel ist es, einen neuen kulturellen Wanderweg mit 7 Kunstwerken zu schaffen, die das Klimabewusstsein der Region und ihre Fähigkeit zur Anpassung an die sich verändernde Umwelt widerspiegeln.“

    Einer der Künstler der Climat Clock ist Antti Laitinen. Eins seiner großartigen Werke ist im EMMA-Museum in Espoo installiert und ein Beispiel dafür, was in Oulu zu erwarten ist. Aus gesäuberten Holz-Stöcken, die als Ketten aufgefädelt an motorbewegten Halterungen hängen, entfaltet sich ein  wunderbaren Klang. Der Wald singt und spricht mit uns!

    In Oulu wird Antti Laitinen ein großfächiges Werk harmonisch in die Waldlandschaft von Kiiminki integrieren, das die Betrachter dazu anregt, „inne zu halten und das Wasser und die Tierwelt mit neuen Augen zu sehen.“ Auch hier entsteht eine kinetische Installation, diesmal aus Moos und Flechten, den Bioindikatoren für Luftqualität.

    Das Rathaus von Oulu hat sich bereits jetzt in ein Medienkunstzentrum verwandelt, in dem die immersive Installationen „Layers in the Peace Machine“ sowie „Earworm“ die Besucher zum Eintauchen und Partizipieren anregen.  Diese Medienkunst stammt aus dem Kiasma, dem wichtigsten finnischen Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki, das eine diesbezüglich umfangreiche Sammlung besitzt.

    Earworm Die Ausstellung „Earworm“ präsentiert eine Auswahl an Videoarbeiten, in denen Musik und Sound integraler Bestandteil der Atmosphäre und Erzählung sind. Die besondere Ausdruckskraft des Klangs spiegelt sich in der Fähigkeit des Gehirns wider, Musik im Kopf als Ohrwurm spielen zu lassen. „Sie können auch in dieser Ausstellung Ohrwürmer fangen, die glücklicherweise nur gute Lieder enthalten.“

    Layers in The Peace Machine im Rathaus von Oulu ist ebenfalls eine immersive und multidisziplinäre Medieninstallation, die Technologie und Kunst miteinander verbindet. Basierend auf dem literarischen Werk „Peace Machine” des verstorbenen Timo Honkela porträtiert die Installation Frieden als einen dynamischen Prozess, der sich durch die Interaktion der Teilnehmenden verändert und weiterentwickelt.

    Das Fotografiska Tallinn (Wir kennen Fotografiska aus Berlin im ehemaligen Tacheles) ist in Oulu mit seiner neuen großen Foto- und Mitmachausstellung „PLAY“ vertreten, die das Spiel als Quelle der Freude herausstellen möchte.

    Die Ausstellung lädt uns dazu ein, „über den Tellerrand hinauszublicken, tiefere Verbindungen zu schaffen und uns eine Zukunft auszumalen, in der Kreativität und Gemeinschaft an vorderster Stelle stehen.“ Zu finden ist die Ausstellung von Fotografiska im Einkaufszentrum Pekuri im Stadtzentrum.

    AaltoSilo

    In einem unscheinbaren Randviertel von Oulu befindet sich ein Bauwerk, das zu einem Wahrzeichen der Stadt werden kann, denn es wurde von dem berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen und konstruiert: das Aalto-Silo! Doch es sieht so überhaupt nicht wie eins der eleganten vielseitigen Architekturen Aaltos aus. Auch er musste in seiner Anfangszeit Zweckbauten konstruieren, um Geld zu verdienen. Das Silo entstand 1931 in einem Komplex der Zellstoffindustrie, die weit außerhalb der damaligen Stadt lag und viel Schmutz produzierte. Auch wenn das Gebäude heute häßlich wirkt, so beweist es trotzdem eine innovative Idee Aaltos, nämlich einen sehr dünnschichtigen Beton zu verwenden, der durch die steile Dachkonstruktion trotzdem stabil ist. Für 2026 soll der Umbau zu einem Kulturstandort fertig werden, was der Bauleiter jetzt aber noch bezweifelt.

    Venice Biennale 2026, Finnischer Pavillon

    Ein späteres Kunstprojekt für Oulu 2026 wird aus Venedig angeliefert. Es ist die Ausstellung, mit der sich das Land in seinem Finnischen Pavillon, der auch von Alvar Aalto entworfen wurde,  in diesem Jahr auf der Biennale von Venedig präsentiert. Vom  30.10.2026–28.3.2027 wird in Oulu zu sehen sein, was die Künstlerin Jenna Sutela entwickelt haben wird. Sie arbeitet über „biologische und rechnerische Prozesse, vom menschlichen Mikrobiom und planetarischen Ökosystemen bis hin zu Sprache und Code.“  

    Es wird sich bestimmt lohnen, in diesem Europäischen Kulturstadtjahr einmal in den hohen Norden Finnlands nach Oulu zu reisen, egal, ob man jetzt mit den Einwohnern das arktische Klima und die fantastischen Fischgerichte genießen möchte oder eher auf die Sommermonate mit den weiteren künstlerischen Positionen wartet. Chemnitz hat es im letzten Jahr vorgemacht, wie eine Stadt aus der Unsichtbarkeit zu einem Kulturstandort erblühen kann. Das können die Finnen mit Sicherheit auch. Und üben Sie schon mal mit der Luft-Guitarre!

  • Auf nach Venedig

    zur 61. Biennale di Venezia

    Die Biennale di Venezia beginnt schon bald: am 9. Mai diesen Jahres. Deshalb heißt es genau jetzt: das Hotel reservieren und die Flüge buchen, denn ein Besuch der Biennale ist für Freunde zeitgenössischer Kunst ein absolutes Muss.

    In diesem Jahr heißt das Motto der Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Die leider im letzten Jahr plötzlich verstorbene Kuratorin leitete zuvor das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt und war auch an international wichtigen Ausstellungen, z.B. der Documenta 12 und 13 kuratorisch beteiligt. Das Konzept und die Künstler*innenliste für Venedig hatte Koyo Kouoh bereits vor ihrem Tod bei den Organisatoren eingereicht, so dass es von ihrem Mitarbeiterteam verwirklicht werden kann. Dass es gelingen kann, ein Konzept eines verstorbenen Kurators erfolgreich zu realisieren, hat bereits Sheikha Hoor al-Qasimi  mit ihrer Sharjah-Biennale 2022 bewiesen, als sie eine eindruckvolle Ausstellung nach den Ideen von Okwui Enwezor präsentierte.

    „In minor Keys“ soll ein „Hinwenden zu der Moll-Tonart in der Kunst sein und als Aufruf zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen zu verstehen sein,“ erklärt das kuratorische Team. Das Konzept sei mit einem tiefen Glauben in die Fähigkeit der Kunst und in die Künstler*innen verbunden, neue Relationen und Möglichkeiten zu eröffnen. Es soll eine sinnliche, weniger eine didaktische Ausstellungsatmosphäre kreiert werden.

    Rory Tsapayi, Assistent von Koyo Kouoh, zitierte sie noch einmal: „Wir sind alle müde. Die Welt ist müde. Wir müssen heilen und lachen, uns mit Schönheit, Liebe und Poesie umgeben, wir müssen tanzen und Essen zubereiten, wir müssen atmen… und die Radikalität der Freude genießen.” Wo kann man das schöner als in Venedig?!

    Der Deutsche Pavillon

    Deutschland wird durch ein Berliner Trio vertreten: die Kuratorin Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum präsentiert zwei junge Frauen mit ostdeutscher Biografie:  Henrike Naumann und Sung Tieu.

    Aktueller tieftrauriger Nachtrag: Henrike Naumann in gestorben! Die Familie gab bekannt, dass eine viel zu spät erkannte Krebserkrankung ursächlich war. Auch wir trauern mit der Kunstwelt um die begabte, kreative Künstlerin, die mit ihren Werken aufrüttelte und zum Nachdenken anregte. Hoffentlich hat auch sie ihr Konzept für Venedig schon so weit vorbereitet, dass wir es trotzdem sehen und würdigen können.

    Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. Sie nutzt Möbel und Design in ihren Installationen, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen. Oft verwendet sie  Möbel aus DDR-Beständen, aber auch aus Wohnidyllen der BRD und der Zeit nach der Wende, aber ohne Oberschicht-Glamour, womit sie wortlos sonst ungesehene Lebenssituationen an die Oberfläche bringt. Henrike Naumann war auch Teil der Gruppe Atis Rezistans auf der Documenta 15, wo sie eine „Trance“-Orgel aus einem Kleiderschrank heraus präsentierte. Zuvor hatte sie an der Ghetto-Biennale der Künstlergruppe auf Haiti teilgenommen. Ihre Werke sind global ausgestellt worden, von New York bis in die „Plattenbau“-Ausstellung im Potsdamer „Minsk“.

    Sung Tieu wurde 1987 in Hải Dương, Vietnam geboren und ist eine vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die zwischen politischen Systemen aufwuchs und heute in Berlin lebt und arbeitet. Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen und dem Schicksal vietnamesischer Vertragsarbeiter, die ab 1980 durch das Anwerbeabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam nach Deutschland kamen. In ihren Arbeiten schildert Sung Tieu deren Situation vor, während der Wendezeit und danach mit all seinen Härten und Ungewissheiten, aber auch koloniale Verflechtungen. Sung Tieu arbeitet multimedial mit  Skulpturen, Fundstücken, Klang, Video, Fotos und Text.

    Skandale?

    Es ist schon fast Tradition, dass um die Länderpavillons, deren Präsentationen die Ursprungs-Nationen allein verantworten, politische Debatten entstehen.  Auch in diesem Jahr wird schon jetzt heiß diskutiert, ob einzelne Kunstschaffende wirklich geeignet sind, ihr Land zu vertreten. „Cancel Cultur“ im Kontrast zur Kunstfreiheit beschreibt diese Polarisierung. Sollte eine staatliche Institution schon im Vorfeld aus Angst vor negativen Kommentaren in einer Art vorrauseilendem Gehorsam Kunst zensieren dürfen? Aktuelle Beispiele:

    Südafrika:

    Wenige Tage vor der Deadline für die Einreichung der Länderbeiträge zur 61. Biennale di Venezia hat der Kunstminister Gayton McKenzie in Südafrika den Beitrag der Künstlerin Gabrielle Goliath abgelehnt. Nun wurde die Teilnahme der Künstlerin endgültig abgesagt. Wer den Pavillon stattdessen bespielen wird, ist offen.

    “Für die Biennale greift Goliaths vorgeschlagene Version von „Elegy“ auf ihr ähnlich betiteltes, zehnjähriges Projekt zurück, das sich auf Femizid und die Tötung von LGBTQI+-Personen in Südafrika bezieht; Frauen, die von deutschen Kolonialtruppen in Namibia während des Ovaherero- und Nama-Genozids Anfang des 20. Jahrhunderts getötet wurden, sowie auf das Sterben von Zehntausenden Frauen und Kindern, die seit Oktober 2023 von den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) in Gaza getötet wurden. Der dritte Abschnitt der künstlerischen Arbeit enthalte ein Gedenkgedicht zu Ehren der beliebten palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die während des Beschusses von Gaza getötet wurde.”

    Gabrielle Goliath reagierte verärgert über McKenzies Äußerung, dass Künstler „verpflichtet seien, nationalistische, mythenbildende Kunst zu schaffen, die sich mit „sozialem Zusammenhalt beschäftigt und das Beste Südafrikas der Welt präsentiert”. Sie weigerte sich, ihr Werk zu verändern, um ihre Teilnahme zu sichern. Inzwischen hört man aber auch andere Regierungsmitglieder, die sich für die Teilname von Gabrielle Goliath engagieren.

    USA:

    Die USA haben für die diesjährige Biennale schon frühzeitig die Organistion, die die Präsentation im US-Pavillon entscheidet, ausgetauscht. Das nun hierfür ausgewählte American Arts Conservancy wurde erst in diesem Jahr neu gegründet und erhielt ihr Mandat direkt vom US-Außenministerium.

    Der Kurator Jeffrey Uslip wird die Ausstellung „Alma Allen: Call Me the Breeze” im amerikanischen Pavillon 2026 verantworten. Der Künstler kommt aus Joshua Tree in Kalifornien und arbeitet momentan in Tepotzlán in Mexiko. Er wird Werke zeigen, die „die alchemistische Transformation von Materie hervorheben“. Bekannt sei Alma Allen für seine Skulpturen, die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegen und von Landschaften sowie natürlichen Materialien inspiriert sind. Alma Allen war bisher unter anderem auf der Whitney Biennale 2014 in New York und im Van Buuren Museum in Brüssel zu sehen. Er ist eher wenig bekannt, doch vielleicht überrascht er uns sogar mit interessanten Werken. Die offensichtliche poltitische Einmischung lässt jedoch an der Kunstfreiheit in den USA Zweifel aufkommen.

    Australien

    Der Australische Pavillon wird dieses Jahr auf der 61. Biennale von Venedig möglicherweise zum ersten Mal NICHT bespielt, meldete die Zeitung „The Guardian“

    Den Zuschlag hatten zunächst der im Libanon geborene australische Künstler Khaled Sabsabi und der Kurator Michael Dagostino bekommen. Doch „Creative Australia“, die staatliche Kunstorganisation Australiens, forderte gleich, den Vertrag wieder aufzukündigen. Auslöser des Eklats war das Bekanntwerden früherer Werke des Künstlers, die den verstorbenen Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah darstellen. Creative Australia hatte daraufhin beschlossen, dass “eine langwierige und spaltende Debatte über das Auswahlergebnis 2026 ein inakzeptables Risiko für die öffentliche Unterstützung der australischen Kunstgemeinschaft darstellt.” Von den weiteren möglichen Künstlern Australiens will offenbar keiner aus Protest ein Angebot als Ersatz annehmen.

    Auch der Künstler und Kurator Archie Moore, der Australien letztes Jahr auf der Biennale in Venedig vertrat und den Goldenen Löwen gewann, zeigte sich entsetzt und fordert die Wiedereinsetzung des Künstlers und des Kurators.

    Sabsabi selbst sagte gegenüber dem Guardian: “Wir wollten in Venedig ein transformatives Werk präsentieren, eine Erfahrung, die alle Zuschauer in einem offenen und sicheren gemeinsamen Raum vereint.”

    Israel:

    Bei der vergangenen Biennale 2024 war der israelische Pavillon nicht geöffnet worden, obwohl bereits die Installation von Ruth Patir vollständig aufgebaut war. Zu laut waren die Proteste gegen die kriegerischen Ereignissse zwischen Israel und Palästina in Gaza.

    Jetzt hat Israel die Teilnahme an der diesjährigen Biennale bestätigt. Belu-Simeon Fainaru soll sein Werk aber nicht im israelischen Pavillon in den Giardini installieren, da dieser noch renoviert werde, sondern im Arsenale.

    Umgehend haben bereits Aktivistengruppen den Ausschluss Israels gefordert und einen breiten Boykott angekündigt.

    Österreich:

    Einen globalen politischen Skandal wird der österreichische Pavillon wohl nicht auslösen, doch die designierte Künstlerin hat bereits für erhebliche ethisch-ästhetische Aufregungen gesorgt.

    Florentine Holzinger wird als Performance-Künstlerin angekündigt, doch sie hat bisher besonders die Theaterwelt mit ihren Inszenierungen aufgerüttelt und schockiert. So ist sie auch in diesem Jahr für das renomierte Berliner Theatertreffen mit ihrem Stück: „A year without Summer“ nominiert: ein wirklich skuriles, gewaltiges Epos über den Verfall des Planeten am Beispiel der Vergänglichkeit des Menschen    mit abschließender „feministischer Kunst-Fäkal-Orgie“ (Zitat des Theatertreffens). Ob wir Besucher bei ihrem Kunstprojekt in Venedig weniger Schockmomente aushalten müssen, bleibt die große Frage.

    Holzingers Projekt heißt  „Seaworld Venice“. „Wasser in Bezug auf Körper“ wird ihr Thema sein, wie sie auf der Pressekonferenz erklärte, „die Menschen werden nass werden.“, denn sie will in partizipatorischen Aktionen ihren Beitrag vom Pavillon bis in die Lagune ausweiten. Wie sich letztlich die aktuelle Politik in Österreich zu dem Projekt stellt, ist bisher noch offen. Jedoch ist hier ja die rechtsorientierte FPÖ noch nicht an der Macht.

    Externe Ausstellungen

    Gleichzeitig zur Biennale präsentieren die großen Kunsthäuser Venedigs auch wieder ganz besondere Ausstellungen.

    Fondazione Prada

    Wir erinnern uns an das spektakuläre Chaos, das der Schweizer Künstler Christoph Büchel in in der Fodazione Prada in seinem inszenierten Auktionshaus zur Biennale 2024 veranstaltet hat. Das alles wieder auszuräumen und zu putzen war garantiert eine Mammutaufgabe. Es macht besonders neugierig, wie die diesjährige Präsentation das Haus in einem bestimmt völlig veränderten Ambiente wirken läßt.

    2026 erwartet uns im Ca’ Corner della Regina, der Fondazione Prada, die von Nancy Spector kuratierte Ausstellung „Helter Skelter“ (Hals über Kopf)  von Arthur Jafa und Richard Prince.

    „Das Projekt 2026 bringt Arthur Jafa und Richard Prince in einen Dialog, zwei der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, die, obwohl sie zehn Jahre auseinander geboren wurden, einen radikalen Ansatz für die Aneignung von Bildern aus der amerikanischen Populärkultur, von Filmen bis zu sozialen Medien, teilen. Während Jafa über seine eigene afroamerikanische Identität nachdenkt, um die schwarze Kunst zu stärken, analysiert Prince die weiße Männlichkeit und die dunkle Seite der amerikanischen Psyche.“ Arthur Jafa gewann den Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2019 für das Video „The White Album“ und zeigte zusätzlich Skulpturen aus Monster-Reifen.

    LAS Art Foundation aus Berlin und Amos Rex aus Helsinki. verantworten gemeinsam ein bemerkenswertes Projekt. Die zwei Kunstinstitutionen sind in den letzten 10 Jahren gegründet worden, um neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern. Sie zeigen die Multimedia-Installation der Künstlerin Natasha Tontey, die die Geschichte einer Widerstandskämpferin in Indonesien in den 1950er Jahren erzählt. Unter dem Titel „The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs“ wird die Arbeit im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti – der Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst – am Campo San Fantin in Venedig gezeigt.

    Palazzo Grassi und Punta della Dogana

    Beide Museen gehören dem französischen Multimiliardär Francois Pinault  und verspechen stets spannende, manchmal überraschende künstlerische Positionen.

    Im Palazzo Grassi zeigt die Pinault Collection Werke des in Kenia geborenen Malers Michael Armitage (geb. 1984), die in den letzten zehn Jahren entstanden sind. „Hier vermischen sich Bezüge zu Ostafrika mit Mythologie und westlicher Kunstgeschichte“. Wir können wirklich ausdrucksvolle Gemälde erwarten. Nur bleibt zu hoffen, dass nicht wie 2024 mit Julie Mehretu das Haus völlig überladen mit extrem ähnlichen Werken wirkt.

    2026 wird die Punta della Dogana eine große Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Lorna Simpson widmen. Ihre frühen Werke konzeptualer Fotografie mit Kritik im amerikanischen Kontext, wo „Rasse und Geschlechterkonstruktionen die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer den Fokus bilden“, werden ebenso gezeigt, wie ihre späteren und aktuellen Gemälde über „die Erosion und das Wiederaufleben der Erinnerung, das Versagen der Repräsentation und die Instabilität von Erzählungen.“

    Auf der oberen Ebene der Punta della Dogana lädt der brasilianische Künstler Paulo Nazareth die Besucher ein, ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Seit mehr als fünfzehn Jahren bereist er methodisch den amerikanischen und afrikanischen Kontinent, meist barfuß, um durch Betreten des selben Bodens seinen versklavten Vorfahren Respekt zu zollen, denen als Symbol der Unterwerfung das Schuhwerk genommen wurde.

    Dies sind die ersten Vorab-Informationen über die großartige Kunst, die uns anläßlich der neuen 61. Biennale in Venedig geboten wird. Aus eigener Erfahrung führt die Konfrontation mit einer so großen Fülle fantastischer Präsentationen stets zu mentaler und optischer Überforderung. Planen Sie 4-6 Tage oder gleich einen zweiten Besuch, vielleicht im Herbst ein, um mit Freude und allen Sinnen die Kunst und das Ambiente von Venedig zu genießen.

    La Biennale d’Arte di Venezia vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini und dem Arsenale von Venedig sowie multiplen Venues in der Stadt.

  • Oslo und der Friedensnobelpreis für Maria Corina Machado

    „Demokratie am Abgrund“

    Der Friedensnobelpreis 2025 wurde am 10. Oktober in Oslo an María Corina Machado aus Venezuela vergeben. Machado erhält die Auszeichnung für ihren „unermüdlichen Einsatz“ für die demokratischen Rechte des venezolanischen Volkes. Das Nobelpreiskomitee würdigte Machados „Kampf für einen gerechten und friedlichen Übergang von Diktatur zur Demokratie“. Die venezolanische Oppositionsführerin gelte als entschiedene Widersacherin des autoritären Präsidenten.

    Inartberlin ist nach Oslo zur Eröffnung der Ausstellung über die Preisträgerin im berühmten Nobel-Friedens-Zentrum gereist. Dies ist keine Kunstausstellung im eigentlichen Sinn, sondern sie dient der Visualisierung und Aufklärung über Maria Corina Machado, ihre Verdienste und die Gründe, warum das unabhängige Nobel-Komitee sie gewählt hat.

    Die Hauptperson selbst konnte aus Sicherheitsgründen, die inzwischen immer verständlicher geworden sind, letztlich am Opening nicht teilnehmen. Schon am Vorabend hatte ihre Tochter stellvertretend die Urkunde für den Preis angenommen. Maria Corina Machado war zwar nach Oslo gereist, wurde aber sicherheitshalber aus der Öffentlichkeit abgeschirmt, konnte sich nur später allein ihre Ausstellung ansehen.

    Heute nun greift die USA mit Trump das Heimatland der Preisträgerin mit Bomben an und plötzlich ist das Wissen, das in der Ausstellung übermittelt wird, weltpolitisch hochaktuell.

    Machado stammt aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Ihr Vater war Vorsitzender des zweitgrößten Stahlproduzenten Venezuelas in Caracas. Mit zunehmender Autokratisierung, vor allem seit dem Beginn der Präsidentschaft von Nicolas Maduro, geriet Machado als wichtigste Person der Opposition ins Visier der Machthaber in Caracas. Zuletzt wurde ihr sogar die Teilnahme an Wahlen verweigert.

    Inartberlin konnte mit einigen internationalen PressevertreterInnen und ausgiebig mit dem Kurator der Ausstellung, Serge von Arx sprechen. Er berichtet, dass sein Team nach Bekanntgabe der Preisträgerin lediglich 8 Wochen Zeit zur Recherche, Konzeption und Realisation hatte, was bei Kunstausstellungen eine Unmöglichkeit dargestellt hätte. Doch hier sei ein didaktischer, aber emotional bewegender Ansatz gefragt.

    Ein Themenbereich der Ausstellung ist eine Fotoserie verbunden mit Original-Tonaufzeichnungen von Menschen, die in Columbien an der Grenze zu Venezuela leben, nachdem sie aus ihrem Land geflohen sind. Eine Ausreise steht der venezuelanischen Bevölkerung überhaupt nicht zur Verfügung.

    Auch Maria Corina Machado lebte ohne offizielle Chance auf Ausreise seit den letzten Wahlen im Untergrund. Der Diktator Maduro drohte ihr mit einem Wiedereinreiseverbot, falls sie nach Oslo zur Preisübergabe fahren würde. Ob dies die schlimmste Drohung gewesen sei, muss offen bleiben. In der Geschichte sind weltweit viele Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit von Machthabern getötet worden. Letztlich berichtet Maria Corina Machado nach gelungener Reise, dass sie heimlich nächtlich mit Fischerbooten in die USA gebracht wurde und von dort nach Oslo fliegen konnte.

    Für die Ausstellung hatten die Kuratoren nur drei Original-Objekte, die das Leben und den Verlust einer wahren Demokratie in Venezuela veranschaulichen:

    Da ist eine kleine Handtasche aus inzwischen wertlosen Geldscheinen des Landes, das von seinem Ölreichtum der eigenen Bevölkerung kein auch nur annähernd humanes Leben möglich macht. Menschen, die solche Taschen gestalten, seien von hohen Strafen bedroht, wenn man sie überführt.

    Das zweite Objekt ist eine SUPERMAN-Figur in Barbie-Größe mit dem Gesicht von Maduro, die in großen Mengen an Kinder in der Schule verteilt wurden. Ist das noch Wahlwerbung oder schon Kindes-Missbrauch?

    Ein drittes Fundstück ist ein Stapel von Wahlauszählungszetteln, die Wahlhelfer heimlich kopiert und an die Oposition weitergegeben haben. Hier sei der Beweis erbracht, dass Machados Oppositionspartei gar nicht auf den Wahlzetteln aufgeführt werde und Nicolas Maduro nur so die meisten Stimmen zugestanden bekommen hätte.

    Die zwiegespaltene Berichterstattung der globalen Medien über die Verleihung des Friedensnobelpreises wird durch ein Laufband mit Medienzitaten in eine Wand-Ecke projeziert.

    Paradox war ja, dass weniger über Maria Corina Machado berichtet wurde, als darüber, dass Donald Trump den Friedensnobelpreis NICHT bekommen hatte. Serge von Arx erklärt, dass die Bewerbungsfrist dieses Jahres für Trump sowieso bereits abgelaufen wäre. Als er vorgeschlagen wurde, habe er gar nicht zur Wahl stehen können.

    2019 hatte Machado im Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt, das „kriminelle Regime“ in Venezuela müsse aufgelöst werden: „Wir brauchen eine venezolanische Privatwirtschaft, die wieder das herstellen wird, was die Gesellschaft zu ihrer Ernährung benötigt. Das wird aber nur in einem demokratischen und rechtsstaatlichen Venezuela geschehen, in dem die Rechte aller Bürger geachtet werden. Dafür kämpfen wir.“

    In dem Zusammenhang ist unbedingt erwähnenwert, dass Machado ihren Preis teilweise Donald Trump gewidmet hat. Als Gegnerin des Maduro-Regimes befürwortete sie schon länger amerikanische Angriffe  auf vermeindliche Drogentransportboote von Venezuela in die USA. »Ich unterstütze Präsident Trumps Strategie voll und ganz, und wir, das venezolanische Volk, sind ihm und seiner Regierung sehr dankbar«, sagte sie in der CBS-Sendung »Face the Nation«.

    Das widerum führt jetzt zu Kritik ihrer Person in den Medien, weil sie „Frieden mit Krieg bekämpfen wolle.“ Das sei jetzt kein Kampf mehr für den friedlichen Übergang aus einer Diktatur zur Demokratie.

    Die Verleihung des Friedensnobelpreises kam somit zu einem extrem komplizierten Zeitpunkt. Die Situation zwischen den USA und Venezuela spitzte sich seit Monaten immer weiter zu. Trump forderte von Venezuela zuletzt auch die »unverzügliche Rücknahme« von Migranten, insbesondere von Insassen psychiatrischer Einrichtungen, von denen er behauptet, sie seien gezielt in die USA geschickt worden. Er drohte Venezuela mit „unabsehbaren Folgen“, die er heute mit den Bomben auf Caracas und wohl auch der Festnahme Maduros und Überführung in die USA Wirklichkeit werden ließ.

    Garten der Preisträger

    Auf ein besonders Extra-Bonbon im Nobel-Friedenszentrum soll noch hingewiesen werden: die Dauerausstellung mit allen bisherigen Preisrägern! Die geschmackvolle und feierliche Inszenierung soll ein Nobel-Friedens-Garten sein, in dem diese besonderen Menschen mit Bild und Hintergrundwissen immer in Erinnerung bleiben:

    Bundeskanzler Willy Brandt ( 1913 bis 1992) bekam den Friedensnobelpreis für das Jahr 1971 zugesprochen. Das Nobelpreiskomite würdigte Brandts Bemühungen, durch eine neue Ostpolitik die Verständigung der Bundesrepublik Deutschland mit ihren östlichen Nachbarn herbeizuführen und den Frieden in Europa sicherer zu machen.

    Die Ausstellung über Maria Corina Machado in Oslo ist ein hervorragender Ort, um über die Schwierigkeit zu diskutieren, die vielen Seiten eines politischen Problems zu erfahren, abzuwägen und zu bewerten; nicht nur für Schulklassen, sondern für alle einheimischen und  internationalen Besucher*Innen. Auch wenn kein künstlerischer Aspekt im Vordergrund steht, so ist der Besuch eine große Bereicherung für Geist, Verstand und Einfühlungsvermögen in menschliche Dramen, seien sie auch noch so weit von uns entfernt.

    Nobel Peace Center Oslo, Nähe Rathausplatz:

    „Democracy on the Brink“ (Demokratie am Abgrund) 12. Dez.2025 – 30. Sept. 2026

  • Leandro Erlich „Bâtiment“

    nach Wolfsburg  jetzt Helsinki

    In Helsinki stellt Leandro Erlich erneut die Welt auf den Kopf. Nach der bombastischen Ausstellung „Schwerelos“ im letzten Jahr in Wolfsburg hat der argentinischen Künstler erneut typische interaktive Kunstwerke in einer Soloschau im AMOS REX im Herzen von Helsinki installiert.  Auch hier beeindruckt er mit ungewöhnlichen Perspektiven und optischen Verwirrungen. Er spielt mit Illusionen, der Schwerkraft und veränderten Perspektiven.

    Im großen Saal steht eins der iconischen Werke Leandro Erlichs. Auf „Bâtiment“ klettern Menschen an der Fassade eines Jugendstil-Hauses hinauf und hinunter. Sie kleben an der Fassade wie Spider-Man oder drohen von einem Fenstersims in die Tiefe zu fallen.  Hierdurch werden sie selbst zu Bestandteilen des gewollt interaktiven Kunstwerkes.

    Im nächsten Raum findet sich ein geisterhaftes Klassenzimmer, in das die Besucher selbst hinein geraten und sich gruseln können. Durch die Pandemie bekommt das Werk eines verwaisten Klassenzimmers sogar einen historischen Bezug auf diese besondere weltweite Ausnahmesituation.

    Faszinierend ist auch das Video „Global Express“, das uns aus dem Fenster einer unendlich  um die Welt fahrenden Bahn schauen lässt. Verwunderlich ist dabei, dass bespielsweise direkt nach dem Eiffelturm bereits die Oper in Sidney im Fenster erscheint.

    Für Leandro Erlich ist die Ausstellung eine Art Spaziergang durch verschiedene Narrative, die uns Besucher auffordern, mit einem ganz neuen Blick auf die Realität unsere Wahrnehmungen neu zu hinterfragen.

    Der Künstler lebt und arbeitet abwechselnd in Buenos Aires, Montevideo und Paris. Sein künstlerischer Durchbruch war die Repräsentation Argentiniens auf der Venedig-Biennale 2001, als er einen Swimmig-pool baute, in dem Menschen vermeintlich unter Wasser ungefährdet herum flanierten.

    Leandro Erlich Helsinki: Amos REX, 8.Okt. 2025 – 6. April 2026

    Zu Erinnerung: https://inartberlin.com/2024/10/12/schwerelos-in-wolfsburg/

  • Rückblick und Vorfreude

    Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, dear friends!

    Das Jahr 2025 war erneut ein aufregendes Jahr mit viel großartiger Kunst. Ich durfte von Skandinavien bis ans Mittelmeer viel berichten und dies mit den Erfahrungen in Beziehung setzen, die ich über viele Jahrzehnte mit den Künstlerinnen und Künstlern der documenta und der Biennale di Venezia gesammelt habe. Gern sende ich euch noch einmal mein Highlight‑Reel 2025 für einen entspannten Moment. Freuen wir uns auf 2026, in dem viele Kreative unser Leben in Europa bereichern werden. Die Biennale 2026 lockt im Mai nach Venedig, im Juni beginnt die Manifesta 16 im Ruhrgebiet und auch in Lyon ist im September wieder Biennale-Time. Wie gewohnt werde ich an den üblichen Stellen berichten.

    Schöne Feiertage und allen ein gelingendes Neues Jahr!

    Eure INART

    Dr. Ina Lange

  • Frank Gehry

    Der Palastbauer des 21. Jahrhunderts

    Alle schreiben aktuell über Frank Gehry, deshalb möchte auch INArtberlin erklären, was diesen genialen Architekten so überragend macht. Der aktuelle Anlass ist, dass Frank Gehry vor kurzem, am 5.Dezember diesen Jahres  96-jährig in seinem Haus in Santa Monica verstarb. Sein besonders langes Leben ermöglichte ihm, weltweit fantastische Gebäude zu konstruieren. Einige selbst besuchte davon sollen hier zu einem kleinen Nachruf zusammengefasst werden.

    Auch Berlin besitzt einen spektakulären Gehry Bau, jedoch bescheiden versteckt. Am Pariser Platz  durfte Frank Gehry in direkter Nachbarschaft zum Brandenburger Tor keinen äußerlich dominierenden Prunkpalast bauen. Bauauflagen besagten, dass die Fassade aus Sandstein und maximal 50% Glas bestehen müsse. Außerdem sollen in Deutschland alle Büroräume Tageslicht haben, was einen großen inneren Lichthof nötig machte. Den allerdings gestaltete Gehry in seiner typischen wellenförmig asymetrischen Manier. Ist es ein Wal auf wogendem Meer? Oder eine Muschel? Wie ein aufgerissenes Maul thront auf dem unteren Glasdach ein Konferenzraum zum Wohlfühlen wie in einem Kokon. Im Tiefgeschoss befindet sich zusätzlich ein dekorativer Veranstaltungs-Saal für Tagungen oder Shows. Das Gebäude ist immer noch ein echter Geheimtip!

    Der berühmteste Gehry-Bau steht jedoch im Norden Spaniens und ist für einen Fachbegriff internationaler Stadtplanung verantwortlich: den Bilbao-Effekt. Das Guggenheim-Museum war der Auslöser, dass Bilbao, die fast verwahrloste ehemalige Industriestadt plötzlich wieder aufblühte, ein Beweis, dass Kunst und Kultur große positive Entwicklungen initialisieren können.

    Die Sonne Südfrankreichs fing Gehry mit seinem glitzernden Turm des LUMA-Museums in Arles ein. Auch dort hatte die altrömische Stadt mit der Arena immer mehr an Bedeutung für den Tourismus verloren, was durch das LUMA wieder umgekehrt wird. Frank Gehry machte sich und uns sogar den Spaß, in seine Architektur eine spiralförmige Rutsche aus den oberen Etagen bis ins Foyer einzubauen.

    Sogar die kleine Stadt Herford in Westphalen gönnte sich einen Gehry-Bau. Mit dem „MARTA“ (Möbel, Art und Ambiente) gewinnt der Ort eine überregionale Bedeutung, auch mit den Ausstellungen. Bereits als Gründungs-Direktor entwickelte der ehemalige Documenta 9 (1992)-Kurator Jan Hoet das hochrangige Ausstellungskonzept. Dabei ist es in den asymetrischen Räumlichkeiten von Frank Gehry absolut nicht leicht, Kunstwerke geschickt zu plazieren.

    Ein Geniestreich stellt auch die Fondation Louis Vuitton in Paris dar. Der französische Milliardär Bernard Arnault, Besitzer nicht nur dieses Marken-Lables beauftragte Frank Gehry mit dem Entwurf für ein Ausstellungsgebäude für seine Kunstsammlung. Daraus entstand im Bois de Boulogne mitten im Grün der französischen Hauptstadt ein märchenhafter Eis-Palast, in dem es sich in Kunst schwelgend leicht verlaufen läßt. Hier ergeben sich viele herrliche Durch- und Ausblicke, nicht nur zum Eiffel-Turm.

    Auch Los Angeles bekam einen Gehry-Palast in typischer Art. Er ist ein Konzerthaus, allerdings leider recht eingeklemmt zwischen den anderen großen Museumsbauten des BROAD und MOCA.

    Ein weiteres Meisterstück von Frank Gehry erwartet uns noch in der Zukunft, eventuell schon Ende 2026 mit dem „Guggenheim-Museum“ in Abu Dhabi, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Bau wird in direkter Nachbarschaft von Jean Nouvel’s „Louvre“ und dem „Zayed National Museum“ von Norman Foster, der auch für die Reichstagskuppel verantwortlich ist,  erstrahlen. Für den Besuch dieses einmaligen Ensembles dreier Ikonen der Architektur sollten sich Reisende – z.B. beim Umsteigen in Dubai – durchaus mal einen Tagesausflug einplanen.  

    Frank Gehry hat uns herrausragende Bauwerke und auch großartige Beweise für hervorragende Ingenieurs- und Handwerkskunst hinterlassen, die hoffentlich noch viele Jahrhunderte Städte und Regionen beleben und Menschen immer wieder Begeisterungsstürme hervorlocken.