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Lyon Biennale 2026
Von einem Traum zum nächsten wandeln

Die Lyon-Biennale hat sich – natürlich deutlich kleiner als Venedig – zu einer der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Sie wird in diesem Jahr zum 18. Mal an drei Hauptschauplätzen präsentiert: in den „Les Grandes Locos“ ehemaligen Eisenbahnhallen, im „macLYON: Musée d’art contemporain“ und im „Musée des Tissus et des Arts décoratifs“. Zusätzlich sind einzelne Werke an verschiedenen Orten der Stadt verstreut, wobei das „Musee des Confluence“ als fantastisches Bauwerk am spannendsten ist, auch wenn lediglich drei Werke von Monira Al Qadiri das Foyer schmücken.


Unter dem Titel „Passer d’un rêve à l’autre“ („Von einem Traum zum nächsten gleiten“) kuratierte Catherine Nichols die diesjährige Lyon-Biennale. Sie möchte das Thema Wirtschaft thematisieren und bekam außerdem den Auftrag, einen Schwerpunkt auf Oceanien, insbesondere auf Australien und Neuseeland zu legen. Die Betonung der Länder ist mehrfach erkennbar, doch glücklicherweise befinden sich auch hervorragende Künstler*Innen und Werke aus anderen Weltregionen in der Ausstellung. Das Wirtschaft-Thema ist allerdings schwerer erkennbar. Allerdings möchte Catherine Nichols dies auch metaphorisch interpretieren lassen: „Ökonomie im weiteren Sinn“. „Wir verhandeln den politischen Rahmen zwischen uns nicht aggressiv politisch, sondern widmen uns fundamentalen philosphischen Fragen des Miteinander.“
Angesichts der Fülle der großen Präsentation werden hier ganz subjektiv nur einige wenige Highlights vorgestellt.

Mikhail Karikis bekommt die erste Stelle. Er ist an 3 Orten vertreten, wobei besonders seine großartige Multimedia-Installation, die – perfekt mit Chor und Orchester aufgenommen- sein Projekt „Sound of a Revolution“ dokumentiert. (Musée des Tissus et des Arts décoratifs). Er arbeitete über 2 Jahre in Lissabon mit 50 Jugendlichen, die mit Gesang den Satz „We are together, because…“ wiederholen und unterschiedlich ergänzen. Es geht um Zusammenhalt und die Stärke und Macht, die hierdurch erwächst.

„Es ist wichtig, mit Jugendlichen an so einer Sache für den Gemeinschaftssinn zu arbeiten, bevor sie wählen dürfen. In Portugal haben gerade die Erstwähler rechts gewählt.“ „Ich wurde gewarnt, nicht mit Kindern oder Tieren zu arbeiten, doch gerade die Jugendlichen haben das Projekt wunderbar mit ihren eigenen kreativen Ideen erst vervollständigt. Man sieht ihnen ihr ehrliches Engagement deutlich an.“ Die Inszenierung ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern entwickelte sich während der Arbeit daran auch als wertvolle sozialpädagogische Arbeit.

Mikhail Karikis Mikhail Karikis ist 1975 in Griechenland geboren, lebte später in New York und London und fand jetzt seinen Lebensmittelpunkt in Lissabon. Seine jungen Protagonisten singen daher auf Portugisisch. Für den Klang- und Performance-Künstler steht Gesang im Mittelpunkt, den er mit Sound und Video ergänzt, um seine Message auszudrücken.

Beim Eintreten in die riesigen „Grandes Locos“ irritiert sofort der Anblick multipler Container, die vermeintlich wahllos im Raum verteilt sind, als ob alles noch nicht fertig arrangiert ist. Dies unterstreicht den „Industrial Look“ des Ortes, denn es ist offensichtlich eine bewußte Austellungsarchitektur, um den Kunstwerken eigene abgegrenzte Areale zu ermöglichen, aber eben keine „White Cubes“ mit dem fragwürdigen Charme von Messeständen. Gerade den Video-Installationen innnerhalb einiger Container bietet sich auf diese Weise ein ungestörter Raum.


Laure Prouvost: Man kann hineingehen in einen riesigen atmenden Organismus. Dabei kommt rasch das Gefühl auf, im Magen eines Wals zu sein, der unseren ganzen Wohlstandsmüll mit den Resten von Meerespflanzen permanent versucht zu verdauen. „Hovering Caress amere“ bedeutet etwa „Eine schwebende Umarmung“. Die Brüsseler Künstlerin (1978) erstellt auch hier wieder eine neue gigantische, faszinierende multitechnologische Installation, wofür sie bekannt ist.


Miguel Rothschild: Der argentinische Künstler, der 1963 in Buenos Aires geboren wurde, stellt den sagenumwobenen Fluss „Rio de la Plata“ seiner Heimat künstlerisch mit seinen Wellen dar, die durch filigrane Aufhängung entstehen. Der spezielle Stoff schimmert je nach Beleuchtung silbrig oder rot. Geschichten erzählen, dass am Ende des Flusses ein riesiger Silbervorrat existiere, der dem Wasser den silbernen Glanz verleiht. Argentinien erhielt seinen Namen übrigens von Argentum (AG) = Silber. Die Annahme großer Silbervorkommen im Land blieb bis heute jedoch unbestätigt. Historisch belegt ist jedoch, dass Gefangene aus Flugzeugen in diese breite Flussmündung fallen gelassen wurden und nie wieder auftauchten. So ist er auch ein blutgetränkter roter Fluss.


Candrani Yulis hat die riesige Halle der Grand Locos mit einer herrlichen Spirale aus Kleiderbügeln und Stoffstreifen verschönert. Die Künstlerin wurde 1995 in Indonesien geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Ihr Werk ist leicht zu interpretieren, denn es entstehen sofort Gedanken an Fließbandarbeit, die bedrohte Textilindustrie, aber auch die Rolle von Frauen als ausgebeutete Näherinnen.


Akwasi Bediako Afrane, geboren 1990 in Ghana, wo er auch heute lebt und arbeitet, schenkt der Lyon-Biennale ein Haus im Haus, das aus lauter Elektroschrott gebaut ist. „Dance of Dialogue“ (2026) nennt er eine Komposition aus den wertlos gewordenen Einzelkomponenten alter elektronischer Geräte. Der Künstler arangiert Kollagen änlicher Bestandteile so, dass sie ein neues rein künstlerisches Ensemble bilden ohne ihre ursprüngliche Funktion. Das macht extrem neugierig, auf Entdeckungsreise durch die Gänge zu wandeln. Müll in Kunst zu verwandeln ist Transformation und eine Form von Nachhaltigkeit. Besucher*Innen können auf Fahrradergometern Strom erzeugen und als Interaktion eine zusätzliche Disco-Illumination einschalten. Außerdem ist dieses Werk richtig anregend, selbst etwas Ähnliches nachzubauen.


Mette Sterre: Ihr Werk bekam den Titel: „Hummelmania Paradise: Extreme Dreams Depend on Teams“ „ Extreme Träume hängen von Teams ab.“ Mette Sterre versetzt uns in ein völlig veraltetes Großraumbüro mit benutzten, leeren Kaffetassen und vertrockneten Planzen. Darin jubeln Figuren menschlicher Mitarbeiter einem Höheren Wesen zu, das als riesige aufgeblasene Hand von der Decke hängt. Der Gott der Bürokratie? Bei einer Performance kommt ein haariges Wesen in den Raum. Es ist der Hummelmann, eine groteske Verwaltungskreatur und ein augenzwinkernder Gott des Büroalltags und Kontrollzwangs. „Er ist zurückgelassen worden, der Gott der Arbeitswelt und des Bürowahnsinns. Sein Freund Mammon ist gestorben, daher gibt es keine Arbeitsplätze mehr und es werden auch keine Büros mehr benötigt.“ So aktuell diese Arbeitsplatz-Situation auf den ersten Blick noch auf uns wirkt, so schnell wird deutlich, wie gerade Büros immer mehr verschwinden zugunsten rein elektronischer Bearbeitung und Archivierung sowie Homeoffice.
Mette Sterre ist1983 in Delft geboren, lebt und arbeitet heute in Amsterdam. Sie arbeitet vorwiegend mit Performance, Skulptur und Installation.

Cathetrine Nichols 
Alvaro Urbano
Natur-Idyll in der Mauer verstecktEs ist eine Riesenfreude, immer mehr Kunstwerke wie auf einer Schnitzeljagd in den Hallen und in der Stadt verteilt zu entdecken. Mühe macht jedoch, Hinweise zur Bedeutung und Interpretation einzelner Installationen zu finden. Die Schrifttafeln liefern ebenso wie der Katalog nur allgemeine Angaben zum Künstler und höchstens mal den Titel. Wenn man aber Glück hat, begegnet man dem Künstler an seinem Werk und fragt einfach, was absolut inspirierend ist.

Serwah Attafuah
Between this World & the Next
Selma Selman: Flowers of Life 18. Biennale de Lyon Art contemporain: 19. Sept. – 13. Dez.2026, Lyon, Frankreich
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Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt.
Kanzlerportraits und Angela Merkel


Im Bundeskanzleramt gibt es die berühmte Galerie mit den Portraits der ehemaligen Bundeskanzler und vor kurzem ist jadafür auch das Gemälde von Angela Merkel fertig geworden. Im Bestand der Kunstsammlung des Bundestages gibt es aber zusätzlich Portraits, die ohne staatlichen Auftrag von berühmten Künstlern angefertigt wurden und zwar von besonders prägenden Kanzlerpersönlichkeiten.

Julia Klöckner
Bundestagspräsidentin
Angela Merkel
Bundeskanzlerin i.R.Dass der damals schon hoch gehandelte Maler Oskar Kokoschka Konrad Adenauer portraitierte, ist dem rührigen Galeristen Johannes Wasmuth zu verdanken, der beide dafür gewinnen konnte. Die Bedingung war jedoch, dass das Werk für einen guten Zweck versteigert werden sollte.

In der neuen Ausstellung im Forum Kunst des Bundestags ist Oskar Kokoschkas Adenauer jetzt zu sehen und wird im Kontext anderer Portraits, Zeichnungen und Büsten des Altkanzlers präsentiert. Zur Eröffnung sprach auch Angela Merkel, denn sie ist die „ideelle“ Leihgeberin. Wie jede/r Abgeordnete konnte sie sich aus der Sammlung des Hauses ein Bild für ihre Amtsräume aussuchen. Seit sie Fraktionsvorsitzende der CDU war, begleitet sie das Kokoschka-Gemälde bis heute in all ihre Büros. Frau Merkel erläutert ihre Verbundenheit nicht nur mit dem Gemälde, sondern besonders mit Konrad Adenauer. Seine Entscheidung für die Freiheit der neu gegründeten Bundesrepublik und gegen ein vereinigtes, aber „neutrales“ Deutschland ohne Verankerung im westlichen Wertesystem halte sie bis heute für absolut richtig.

Polaroid 
Das zweite besondere Kanzlerportrait der Ausstellung ist kein Gemälde, sondern der farbige Siebdruck von Willi Brandt in der ikonografischen Gestaltung Andy Warhols. Auch er war damals schon ein Star der Kunstszene. Seine Motive suchte Warhol jedoch nach eigenem Ermessen sehr exklusiv aus. So steht Willi Brand in einer Reihe mit Marilyn Monroe, Mick Jagger, Michael Jackson, Jackie Kennedy, Muhammad Ali, aber auch Franz Beckenbauer oder Joseph Beuys. Künstler und Kanzler sind sich nur einmal kurz in einem Hotel begegnet, wo Warhol ihn auf 26 Polaroid-Fotos ablichtete. Eine fertige Grafik wurde wie verlangt für UNICEF versteigert. Zwar hatte die Boulevard-Presse über die Begegnung zwischen dem Friedensnobelpreisträger und und dem amerikanischen Pop-Art-Künstler als Sensation berichtet, doch der Verkaufserlös war nur mäßig. Für die Sammlung des Bundestages war dies jedoch ein Glück für einen günstigen Ankauf.

Adenauer 
Brandt Die Geschichte um das später offizielle Portrait Willi Bandts zeigt dagegen deutlich schwierigere Hürden. Helmut Schmidt als Nachfolger musste Brandt mehrmals auffordern, sich einen Maler auszusuchen, wobei zwei Bilder von dem – berechtigt unbekannt bleibenden – Georg Meistermann richtige Reinfälle wurden. Sie sind in der Ausstellung zu sehen, so dass man sich ein eigenes Urteil machen kann. Auch gerade im Kontrast hierzu erkennt man das Geniale an Andy Warhol.
Die von Kristina Volke kuratierte Ausstellung ist nicht nur eine Präsentation zweier Kanzlerbilder, vielmehr entfacht sie Gedanken über den Sinn von Portrait-Malerei angesichts heute verfügbarer Fotografie, Herrschafts-Verehrung , Zeitgeist oder der Identifikation einer Bevölkerung mit ihren gewählten Regierenden.


Extra: Am 5. Januar 2027 wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden.
Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt. Im Forum Kunst des Bundestags, 22. Sept. 2026 – 10.Jan. 2027
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SAND von Jeewi Lee


In der Berlinischen Galerie eröffnete die koreanische Künstlerin Jeewi Lee (1987) ihre Ausstellung, die ihr der GASAG-Kunstpreis ermöglichte. Er wird aus junge KünstlerInnen vergeben, deren Kunst Schnittstellen zu Wissenschaft und Technik verkörpert.
Bei Jeewi Lee geht es ausschließlich um Sand: den Stoff, der das Silzium für elektronische Geräte ebenso liefert wie auch geliebte Situationen des Lebens prägt, vom Spiel im Sandkasten bis zu entspannten Stunden am Strand. Jeewi Lee ließ einzelne Sandkörner aus aller Welt mit einem bildgebenden MRT-Mikro-Verfahren analysieren und die Daten auf einen 3D-Drucker übertragen. Dieser gestaltete die jetzt vergrößerten Skulpturen aus einer Mischung aus Sand und Weizenkleie als Bindemittel. Zu sehen sind die sehr fragilen Modelle, die zeigen, dass Sand auf keinen Fall aus gleich strukturierten Körnern wie z.B. Kristallen besteht, sondern individuelle komplexe Formen annimmt. Die Projektion von Schichtaufnahmen der MRT-Bilder belegt, dass im Inneren eines Sandkorns auch Hohlräume existieren.



Die Ausstellung ist jedoch nicht nur eine naturkundliche Dokumentation. Vielmehr besticht die Darstellung der Skulpturen durch ästhetische Schönheit, die durch die Installation im Raum zusätzlich gewinnt. Die Beleuchtung in verschiedenen Gelb-Tönen symbolisiert die passende Atmosphäre von Sandstürmen.(1987)


Jeewi Lee: „Residual Memories“ , Berlinische Galerie 11.9.26 – 5.4.27
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Ryuichi Sakamoto
„Seeing Sound, Hearing Time“


Viele Berliner Kunsthäuser nutzten die Berlin-Art-Week, um ihre Herbstausstellungen zu eröffnen. Diese bleiben uns aber langfristig erhalten. Der Hamburger Bahnhof läd ein zu einem beschaulich contemplativen Besuch eines audiovisuellen Erlebnisses.


Der Japaner Ryuichi Sakamoto (1952-2023) war vorrangig Komponist und Pianist. Er experimentierte viel mit elektronischen Klängen und bekam auch er für den Soundtrack des Films „Der letzte Kaiser“ einen Oskar.


Doch er kombinierte sein Klanggemälde auch mit künstlerischen Videos, gern auch als Gemeinschaftsarbeit mit anderen Künstlern. Zu erleben sind jetzt 7 Werke in 5 Räumen, die genau das Ineinanderfließen der Genres fühlen lassen, wie es der Titel sagt: den Sound sehen und die Zeit hören.

Carten Nicolai, Shiro Takatani und Direktor Sam Baraouil Besonders eindrucksvoll sind die Arbeiten, die der Dresdner Künstler Carsten Nicolai zur Musik von Sakamoto kombiniert hat.
Eine weitere Installation unter Mitarbeit von Shiro Takatani ist ein Flügel, dem nach Beschädigung im Ukraine-Krieg eine Maschine angepasst wurde, fast wie eine Prothese bei einem Kriegsverletzten.
Ryuichi Sakamoto in Hamburger Bahnhof, Berlin: 11.9.2026 bis 20.6. 2027
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Maurizio Cattelan in Berlin
Brillant und Brisant



Dass Maurizio Cattelan ein gewitzter Tausendsassa in der Kunstwelt ist, war lange bekannt. Doch dass seine Werke in dieser besonderen Konstellation und genau an diesem Ort Berlin eine solch große aktuell politische Brisanz entfalten, bestätigt die hohe Sensibilität des Künstlers für das Zeitgeschehen.
Der Preis der Nationalgalerie ist eine große Ausstellung für den Preisträger und ab heute ist das Geheimnis gelüftet, welche Werke Maurizio Cattelan hierfür mitgebracht hat. Seine Werke sind stets humorvoll, witzig, aber niemals banal. Vielmehr steckt ein tiefer Sinn hinter jeder provokanten Ironie.

Dass viele Werke Cattelans Bezüge zu Deutschland haben, war ihm selbst erst bei der Konzeption der Ausstellung so klar geworden, heißt es. So war es konsequent, dass wir die Ausstellung durch ein 1:5 maßstabsgerecht verkleinertes Brandenburger Tor betreten. Die Ausführung in dunklem Holz mit einer fein ausgearbeiteten grauen Quadriga ist eine meisterliche Handwerksarbeit. Auch werden uns BesucherInnen die geschnitzen Reliefs in den Durchgängen vielleicht erstmals bewußt, weil wir sie auf Augenhöhe betrachten können. Es ist die Herkules-Geschichte. Im Kontrast zum Original nennt Cattelan sein Tor „Purgatory“ = Fegefeuer. Es ist diese Station zwischen Himmel und Hölle, während der nicht klar ist, in welche Richtung es weitergeht.



Hinter diesem Entscheidungs-Tor liegen zunächst in der Blickachse neun Marmor- Figuren wie Verstorbene unter Leichentüchern („All“). Es folgt die Schlüsselfigur der Ausstellung: der kleine kniende Junge, der vor der Installation einer in der Kiste festgenagelten Frauenfigur („Dawn“) an der Stirnseite betet. Die Figur erinnert an eine Kreuzigungsdarstellung. Doch es ist kein unschuldiges Kind, das dort kniet. Wir erkennen das Gesicht Hitlers im Körper eines Kindes, das fast reumütig schüchtern schaut. („Him“). Aber bereut er wirklich, was er verursacht hat? Frappierend ist die Aktualität der Installation gerade heute, wenige Tage nach dem Sieg einer rechtsradikalen Partei in einem – wenn auch winzigen – deutschen Bundesland.
Cattelan meint dazu: „Das Werk ist seit seiner Entstehung 2001 nicht politischer geworden. Die Realität hat sich ihm angenähert.“


Ein neues Werk für Berlin ist ein gefallener Marmor-Adler auf dem Boden („Bones“): riesig, aber doch tot. Die Assoziation mit dem Bundesadler drängt sich vehement auf. Wie bei vielen Arbeiten Cattelans herrschen gleichzeitig Humor und Verstörung nebeneinander.
Vor dem Eingang auf dem Dach trommelt Oskar Matzerat, der Junge, der bei Günter Grass angesichts der schrecklichen Zeit nicht erwachsen werden wollte, auf seiner Blechtrommel („Never“). Hoffentlich weckt er uns alle auf!



Das Dach des Mies van de Rohe -Gebäudes ist von einer riesigen Menge Tauben („People“) besetzt. Wem gehört also die Stadt? Wirklich noch uns Menschen? Als Maurizio Cattelan eine entsprechende Installation in Venedig zeigte, nannte er sie „Tourists“.
Das hängende Pferd ist bereits aus Turin bekannt. Es symbolisiert das geschundene und ermüdete 20. Jahrhundert: „Novecento“. Der Titel bezieht sich aber auch auf den Film von Bernardo Bertolucci, der 1976 den Aufstieg des Faschismus damals in Italien thematisiert.



Brutal und anrührend ist auch „Charlie, don’t surf“. So wie dieses Werk stehen einige weitere eher unscheinbar bis versteckt im Saal: da sind der Feuerlöscher („Dust“), der die echte Asche eines verstorbenen Freundes enthält; außerdem ein beschrifteter Gullideckel vor dem Gebäude und ein Gedicht an der inneren Glaswand. In einer Garderobennische liegen zwei Männerkörper („We“), beide mit dem Gesicht des Künstlers, angezogen nebeneinander in einem Bett. Cattelan sagt dazu: „Manchmal fühle ich mich, als wäre ich zwei Menschen.“ Aber nein, es ist kein Sterbebett, dafür sind die Augen viel zu offen und wach.


Beachtenswert sind auf jeden Fall die Seitenwände, an deren Außenseite eine ausführliche Retrospektive des Künstlers mit niedlichen Miniaturen seiner wichtigsten Werke liebvoll gestaltet wurde.


Ein weiteres neues Werk ist eine große Metallröhre, die regelmäßig wie eine Glocke angeschlagen wird: eine Symbol für die Zeit. Der kleine Hund im Inneren scheint sich aber gut zu fühlen.
Für Cattelan ist die Ausstellung eine inszenierte Kirche: das Gebäude einer Institution, der der Künstler seit seiner Zeit als Messdiener stets kritisch gegenüber steht. Erkennbar ist dies in vielen seiner Kunstwerke, so wie schon damals mit der Figur von Papst Johannes Paul II, der von einem Meteoriten erschlagen wurde.
Es wird nicht allein der Spaßfaktor Maurizio Cattelans Ausstellung zu einem Besuchermagnet machen, sondern es sind kontroverse bis destruktive Kommentare zu erwarten. Kunst hat aber die Aufgabe, wichtige Debatten der Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln zu verdeutlichen. Jeglicher Diskurs, der so entfacht wird, sollte hoch willkommen sein.



Maurizio Cattelan: „Night“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 10.Sep.2026 – 7.März 2027
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Maurizio Cattelan
Ein Vorgeschmack auf den hintergründigen Schelm

Jetzt in Metz, wird immer erneuert! 
Maurizio Cattelan
Foto: Frank OssenbrinkMaurizio Cattelan ist auch über die Kunstwelt hinaus absolut nicht unbekannt. Der italienische Künstler gilt als Enfant terrible und hat bereits mehrfach mit seinen Werken überrascht, schockiert und auch düpiert. Er ist aber kein Clown unter den Künstlern, sondern stellt die großen Fragen der Zeit wunderbar humorvoll und gleichzeitig tiefgründig dar, womit er mehr Menschen erreicht als mit erhobenem Zeigefinger.
Aber er spielt zumindest mit dem Mittelfinger: Hätten Sie gedacht, dass dieses Werk „LOVE“ heißt? Diese Marmorskulptur ist eine deutliche Kritik am unendlich ausufernden Finanzmarkt, denn Cattelan stellte sie ursprünglich vor die Börse in Mailand. (Aktuell in Metz)

Am 10. September eröffnet die Neue Nationalgalerie in Berlin eine große Soloshow des diesjährigen Preisträgers des Hauses. Welche Ironie oder Provokation uns diesmal erwartet, ist noch streng geheim. Doch hier sollen einige Beispiele früherer Werke gezeigt werden, um als Appetithäppchen Lust auf den Besuch in Berlin zu machen.

Aus vielen seiner Werke spricht die kritische Einstellung zur Katholischen Kirche. 1960 in Padua geboren wurde er von den Eltern streng katholisch erzogen und war Messdiener. Auf der Venedig-Biennale 2001 ließ er die Figur von Papst Johannes Paul II von einem Meteoriten erschlagen. Doch die Kirche hat offensichtlich auch Humor und nahm ihm das Werk nicht übel. Vielmehr durfte Maurizio Cattelan 2022 die Fassade des Pavillons des Vatikans bei der Venedig-Biennale gestalten. Doch was sollen die großen schmutzigen Füße bedeuten? Sind da etwa auch Löcher von Nägeln zu sehen?

Im Turin im Castello di Rivoli befindet sich ein anderes berühmtes Werk des Künstlers: „Novecento“ von 1997 ist nicht nur ein erschlafftes Pferd, sondern es soll das von Gewalttaten und Umbrüchen gezeichnete 20. Jahrhundert symbolisieren.
Mehrere typische Exponate Cattelans zeigt gerade auch das Centre Pompidou in Metz: an erster Stelle: „Comedian“, die Banane, die an die Wand geklebt allein durch den vom Künstler verliehenen Titel zum Kunstwerk aufgewertet wird: scherzhafte, aber intensive Kritik in Reinkultur am Kunstmarkt-Zirkus. 2024 wurde das Werk von einem Multimilliardär für 6,2 Mill Dollar ersteigert. Dieser verspeiste die Banane sofort.


„Mini-Me“ ist die Miniaturausgabe des Künstlers als Persiflage auf das Ego, die Verwundbarkeit und die künstliche Konstruktion von Identität. Cattelan benutzt sein eigenes Abbild oft als Prototyp für seine Werke.

Eine absurde Szene: eine Frau sitzt in einem Kühlschrank. Es ist die Abbildung seiner Mutter, die schon früh in Maurizio Cattelans Jugend verstorben ist. Das läßt schon schaudern; zumal sie ihrem Sohn im Gesicht sehr ähnlich sieht.

„Not Afraid of Love” spielt auf “The Elefant in the room” an. Es ist die Redewendung für ein offensichtliches Problem, das alle ignorieren, weil sie nicht darüber sprechen wollen. Das Tuch verhüllt einfach die unangenehmen verschwiegenen Wahrheiten.


1991 konstruierte Cattelan einen 7m langen Kicker, an dem 22 Spieler gleichzeitig aktiv sein können. Ursprünglich war er gegen Rassismus gedacht, denn er wurde eingeweiht mit einem Duell zwischen senegalisischen und italienischen Spielern. Doch jetzt lockt er überall begeisterte Spieler und Spielerinnen an.
Wir können also sehr gespannt sein, welche Scherze und humorvolle Mahnungen Maurizio Cattelan für uns in Berlin vorbereitet hat!
Maurizio Cattelan: „Night“ 10.Sept. 2026 bis 7.März 2027 in der Neuen Nationalgalerie Berlin
„Dimanche Sans Fin“ 8.Mai 2026 bis 25.Jan. 2027 im Centre Pompidou in Metz (Gruppenausstellung)
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Charles Ray in Kassel
Skulpturen, die erzählen können


Oh, Charley, Charley, Charley… Das Kasseler Fridericianum geht mit großen Schritten der nächsten, der bereits 16ten Documenta entgegen und stellt mit Charles Ray einen tiefsinnigen Künstler einer früheren Dokumenta-Ausstellung mit einer Soloshow vor, eine Art Sprungbrett für das Großereignis im nächsten Jahr.
Um die Tiefe und Ausstrahlung der Skulpturen von Charles Ray zu ergründen, ist die ganz besondere Inszenierung der einzelnen Werke zueinander wichtig. Obwohl sie zu völlig verschiedenen Zeitpunkten zwischen 1992 und 2026 entstanden, gehen sie jeweils ganz konkret miteinander in Beziehung. Es entsteht ein intensiver Dialog zwischen ihnen, den wir auch ohne Worte nachempfinden können.

Katalogfoto 

Charles Ray wurde 1953 in Chicago geboren, lebt inzwischen aber in Los Angeles. Er nutzt für seine Figuren oft einen Abdruck seines eigenen Körpers, nicht aus narzistischer Motivation, sondern als neutralen Prototyp. Diese Praxis ist auch von William Kentridge oder Stefan Balkenhol bekannt.
Die berühmte ikonische Installation „Oh, Charley, Charley, Charley….“ erregte bei der Documenta 9 1992 noch die Gemüter, denn sie zeigt 7 nackte Männerkörper, die ineinander verflochten eine Art Orgie darstellen. Sie zog uns Zuschauer neugierig an, verursachte aber gleichzeitig ein Gefühl von Peinlichkeit. Jetzt ist sie nach 34 Jahren erneut ins Fridericianum zurückgekehrt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Zeitgeist steht unterschiedlichen Varianten von Sexualität offener gegenüber. Außerdem bekräftigt der Künstler erneut, dass er das Ringen um die Entdeckung des eigenen Körpers und die Suche nach Identität des jungen Mannes in der Adolescenz darstellen wolle. Charles Ray: „Nein, es geht hier nicht um Homosexualität und auch ich bin es nicht.“ Er sehe sein Werk eher in der Analogie zu Brancusi. Dessen Skulptur „Der Kuss“ zeigt, wie zwei Wesen in tiefer Liebe zu einer Figur verschmelzen. Bei Ray vereinigen sich die jungen Männer, die immer nur der Künstler selbst sind, letztlich zu einem komplexen Ganzen.


Im langen Saal des Fridericianums gegenüber sitzt ein weiterer Abguss des Künstlers auf einem Sockel, jetzt als erwachsener Mann. 2020 ist er ein Ende 60 Jähriger, der interessiert, aber gelassen und entspannt auf sein früheres Werk und auch damit seine Vergangenheit blickt. Zwischen beiden Installationen liegt ein Häufchen hingeworfener weißer Kleidungsstücke. Es sind seine Kleidungstücke als Aluminium Abguss, weiß bemalt. Wieviele Vorurteile wurden in all den Lebensjahren abgelegt, wieviele Wandlungen des Lebens stehen dazwischen?


Brancusi KUSS Obwohl mehrere seiner Skulpturen weiße Statuen sind, die wie Gipsabgüsse wirken, arbeitet Charles Ray mit multiplen Materialien: Bronze-Abgüsse oder Polyester-Abformungen wie Schaufensterpuppen. Der ältere Mann ist aus Pappmaschee das leichteste Kunstwerk der Ausstellung mit 4 kg. Das schwerste wiegt 1,1 Tonnen. Versuchen Sie mal zu erraten, welches das ist!


Im zweiten Flügel der Etage steht ein übermenschlich großer Junge mit einem Frosch in der Hand, den er zwar weit von sich hält, aber in einer Mischung aus Neugier und Abneigung kritisch betrachtet. Was wird er jetzt tun? In vielen Schulen weltweit werden Frösche im Biologieuntericht von Schülern seziert, damit auch getötet. Hat er das vor? Oder wirft er ihn gegen eine Wand in der Hoffnung auf eine Prinzessin?


Am gegenüberliegenden Ende des Saales steht die neuste Skulptur von Charles Ray: „Madonna and Child“. Sie ist freundlich, hebt aber warnend den Zeigefinger der rechten Hand, als wolle sie dem Jungen etwas verbieten. Was wird er tun? Die Ambivalenz schwebt deutlich spürbar zwischen den beiden Figuren im leeren Raum.
Der „Boy with Frog“ war 2013 eine Auftragsarbeit an Charles Ray von Francois Pinaud, dem französischen Kunst-Sammler, zur Einweihung der von ihm restaurierten Punta della Dogana in Venedig. Charles Ray hatte ihn noch viel größer geplant, doch als er mit Pinauld den ersten Ortstermin hatte, waren beide erschrocken über die mögliche Dominanz der Skulptur direkt gegenüber vom Markusplatz. Aber auch die dann verkleinerte Version, wie sie jetzt in Kassel steht, erhitzte die Gemüter der Venezianer. Sie sei unpassend vor dem berühmten Stadtbild Venedigs und außerdem wäre eine historische Laterne hierfür demontiert worden, angeblich ein Treffpunkt für Liebespaare. Es hat Vandalismusdrohungen gegeben, so dass der Froschjunge 24 Stunden bewacht werden musste. 2013 wurde er einvernehmlich mit dem Künstler abgebaut.
Auf die Frage heute, wie es denn dem Frosch letztlich ergangen sei, antwortet Charles Ray: „Oh, es ging ihm immer gut. Wir hatten für ihn ein Aquarium, aus dem er immer nur kurz herausgenommen wurde. Aber es war ein wirklich riesig großer Frosch!“



In der Rotunde des Museums steht noch eine stählerne Figur eines Jungen, die der Künstler offensichtlich richtig gern hat. Er zeigt einige Widersprüche des Heranwachsenden: eingehüllt in eine improvisierte Toga des alten Philosophen, aber mit einem aktuellen T-Shirt darunter. Auch trägt er ein Schwert eines Kämpfers, das jedoch im Original aus Plastik war. „Ich bin stolz auf diese wunderbare glänzende glatte Skulptur. Wir haben sie in Gips und Ton geformt, aber dann hat sie eine Robotermaschine aus einem massiven Stahl-Block ausgefräst.- Es hat mich aber viel Überredung gekostet, den Jungen, der Modell stand, davon zu überzeugen, keine Tennisschuhe, sondern die Sandalen anzuziehen.“ Berichtet der sympatische Künstler schmunzelnd.
Die Ausstellung von Charles Ray ist erneut ein Beweis, welche langfristige Strahlkraft jede Documenta für den Erfolg zeitgenössischer Kunst hatte. Deshalb sollte man auch 2027 die neue Documenta 16 auf keinen Fall verpassen!
Charles Ray: Fridericianum Kassel 22.Aug.2026 bis 3.Januar 2027
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„THIS IS NOT A CHURCH“
MANIFESTA16 RUHR, die europäische Wander- Biennale


Josep Bohigas Es ist nicht so sehr die Kunst mit Weltrang, die bei der Manifesta16 im Ruhrgebiet den Focus bildet. Vielmehr steht der zweite Aspekt, den die Gestalter*Innen der Manifesta verfolgen, in diesem Jahr im Vordergrund: Urbane Strukturen sollen durch Kunst unter umfangreicher Mitwirkung der Bevölkerung verändert und damit verbessert werden. Für diese „Urban Vision“ ist Josep Bohigas aus Barcelona, Architekt und Urbanist verantwortlich. Er ist 2026 der „First Creative Mediator“. Lange im Vorfeld führte er umfangreiche Recherchen über die Region nach stadtplanerischen Aspekten durch. Analysen der Verkehrsverbindungen sowie Zugehörigkeiten und Lebenswirklichkeiten der Bewohner*Innen wurden berücksichtigt. Eine Erkenntnis war, dass in den Stadtteilen kaum noch nicht kommerzielle Treffpunkte für Zusammenkünfte existieren.

Markuskirche Essen 
St Marien Essen 
Thomaskirche Bochum Eine Ursache sei, dass die Kirchen, die in der Nachkriegszeit genau für diese Aufgabe in großen Mengen gebaut worden waren, ihre Funktion inzwischen verloren haben. Doch auch im entweihten Zustand sind die verwaisten Kirchen architektonisch interessante, große, kühle Gebäude geblieben, die danach rufen, für das Quartier wiederbelebt zu werden. So entstand das Projekt : „This is not a Church“
Unter den 12 Haupt-Locations finden sich zwei Arten: diejenigen, die Installationen zeitgenössischer Kunst schwerpunktmäßig beinhalten und andere, die vor allem die Partizipation der Menschen aus der Umgebung anlocken möchten.


Abbas Zahed In Duisburg ist die Liebfrauenkirche schon länger eine Stätte für Kultur-Events. Im Zentrum der mächtigen, jetzt weltlichen Oberkirche hat der britisch-iranische Künstler Abbas Zahed eine Art Orgel installiert. Aus ausrangierten Orgelpfeifen mehrerer europäischer Kirchen arrangierte er aufragende Bündel wie Raketenwerfer in einem Kreis. Mit Ingenieurshilfe werden sie mit Luftdruck erneut zum Leben erweckt, jedoch in einer Mischung aus Techno- und Trance-Musik. Das Werk wird ergänzt durch weitere Installationen deformierter Orgelpfeifen, die aus Kriegsgebieten, vor allem der Ukraine stammen und die Geschichte kriegerischer Zerstörung in sich tragen. Eine überwältigende Inszenierung, insbesondere, weil sie so perfekt mit den wagerechten Trompeten-Orgelpfeifen der ursprünglichen Orgel korrespondiert.

Ein künstlerisches Highlight ist auch St. Marien in Essen. Die dunkle Backsteinkirche, die so typisch mit der Ruhrpott-Architektur der Hochöfen und Fördertürme harmoniert, ist im Inneres dunkel wie unter Tage . Es ist ein Trauerspiel, dass sie nur noch auf ihren Abriss wartet. Der erste Gedanke beim Betreten ist: Die Putzkolonne ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Doch der gemischte Schmutz auf dem Boden ist eine bewusste künstlerische Anordnung, die auf den zweiten Blick ein buntes Farbenspiel entfacht, gepaart mit intensivem Duft nach Jasmin und Lavendel.

Mit der Klanginstallation von William Engelen unterhalb der Nischen der früheren Orgel kann und soll jeder Besucher experimentieren. Die Metallröhren ergeben nicht nur ein schönes Bild eines asymmetrischen Vorhanges, sondern sie klingen ausgesprochen harmonisch, obwohl man erfolglos nach einem Prinzip der Hängung sucht.Es sind keine Klaviertasten und keine Tonleitern, doch sie bringen wieder Musik in die Leere des Raumes.

Alicja Kwade 
Fenster in St. Marien Außerdem finden sich in St Marien drei Skulpturen von Alicja Kwade. Es sind Bronze-Abgüsse von aufeinander gestapelten Smartphones, die eine Doppelhelix bilden in Analogie zu unser DNA. Biologisch sind in unseren Genen alle Informationen über uns gespeichert. Doch erfährt man heutzutage nicht mehr über einen Menschen, wenn man sein Smartphone entschlüsselt.

Olaf Metzel Viele hervorragende Kunstwerke sind auch in St.Gertrud im Stadtzentrum von Essen zu finden. Wie St. Marien wurde diese Nicht-Kirche höchst ansprechend von René Block zusammen mit der jungen Kuratorin Leonie Herwig kuratiert. Vor dem Portal fällt der „Security-Tree“ von Halil Altindere sofort ins Auge, der interpretatorisch für sich selbst spricht. Im Inneren hängt im Vorraum ein Wandrelief von Olaf Metzel, ein gefaltetes Aluminiumblech mit einer Fotocollage aus Straßenszenen aus Essen mit dem Titel: „Café Bagdad 2026“. Eyse Erkmen schuf einen gläsernen schalldichten Würfel mit einem großen weißen Flatscreen im Inneren verbunden mit einem Dialog-Programm zum Beichten. Ob dieser KI-Beicht-Stuhl seine besondere entlastende Funktion aber wirklich erfüllen kann?

Nasan Tur , Kirchenbänke vertikal 
Halil Altindee Ein weiterer Bau mit vielen künstlerischen Positionen ist Christ König in Bochum. Hier imponiert die Textil-Installation von Malgorzata Mirga-Tas im Bereich des früheren Altars. Das einfühlsame Video über Derealisation und seelische Dissoziation durch Einsamkeit oder Trauma von Albe Hamiti berührt ebenso auf ganz besondere Weise. Fast monumental wirkt der gefaltete Vorhang an der Längsseite mit verfremdeten Filmszenen aus einem Film von Leni Riefenstahl, gestaltet von Luc Tuymans.

Christ König 
Luc Tuymans In Bochum findet sich die wirklich gelungene Kombination eines Kunstwerks und einer verlockenden Partizipation. Für St. Ludgerus kuratierte Josep Bohigas mit dem Künstlerpaar „Cabosanroque“ eine schicke musikalische Sportanlage. Jeder Fehlschuss auf ein Tor oder Fehlwurf auf einen Basketball-Korb erzeugt schöne Klänge, entweder aus der Orgel oder vom Resonanzboden eines Klaviers.



In Gelsenkirchen gehöhen vier ehemalige Kirchen zur Manifesta16, drei davon bekamen Zusatztitel im Andenken an türkische Gastarbeiter*Innen, die vierte greift Probleme der kurdischen Mitbürger auf. Das klingt befremdlich: ein neues Gemeinschaftszentrum in einem ehemals christischen Gotteshaus in einer Stadt mit über 30% islamischer Bevölkerung? Doch die Manifesta berichtet, dass intensive Umfragen vorrausgegangen seien, die zeigten, dass es keine religionsbedingten Vorbehalte für die Idee gebe.


St Josef, Gelsenkirchen St. Josef in Gelsenkirchen soll im Inneren eine Umwandlung in eine Strandlandschaft zeigen. Penique-Production haben mit Josep Bohegas einen riesigen blauen Folienballon in das Mittelschiff eingelassen und mit einem Gebläse angenehm kalter Luft entfaltet. Der Boden ist mit Sand gefüllt und aus Kirchenbänken wurden Strandmöbel gebaut. Eine schöne Idee, wenn auch nicht so idyllisch, wie auf Zeichnungen vorab simuliert. Doch der Raum wird mit Sicherheit durch weitere Events und feiernde Menschen fröhlich belebt werden.
Leider fehlt dieser Manifesta ein Leuchtturm-Projekt wie es die „Las Tres Chimeneas“ , die drei Schornsteine in Barcelona waren. Das alte Gaskraftwerk bot die Möglichkeit riesige faszinierende Kunstwerke von weit bekannten Künstlern und Künstlerinnen zu präsentieren in einer Umgebung von Sand, Wind und Meer. Schade, dass im Ruhrgebiet nicht einer der so prägenden wunderschönen Bohrtürme für den künstlerischen Hotspot dieser Manifesta genutzt wird.

Gethsemane Kirche Bochum 
Emil Walde: Fenster aus dem Bahnhof Duisburg 
Evita Vasiljeva „Third Place“ Trotzdem ist die Manifesta16 ist ein guter Anlass, einmal in und durch das Ruhrgebiet zu fahren. Für Kunstinteressierte gibt es auch weitere attraktive Ziele: in Duisburg zeigt das Lehmbruck-Skulpturen-Museum z.B. eine Sonder-Show von Anish Kapoor. Die Museen Küppermühle und Folkwang sowie das Aalto-Theater in Essen lohnen sich immer. Und wer mit offenen Augen durch die Region fährt, findet beispielsweise auch in den Zechen Zollverein oder Nordstern Kunst im öffentlichen Raum. Viel Freude bei Ihrer Sommer-Tour 2026!

Anish Kapoor, Lehmbruck Museum Duisburg MANIFESTA16 RUHR, „This is not a Church“, 21.6. bis 4.10.2026, von Duisburg über Essen und Gelsenkirchen bis nach Bochum
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„A Bird That Cannot Land“
Die Kyiv (-Anti-Kriegs-) Biennale landet in Berlin


Als sich 2015 in der Ukraine das „Visual Culture Research Center“ mit Vasyl Cherepanyn gründete und über das Konzept einer neuen Biennale für Kiew diskutierte, lebten die Menschen noch im Frieden. Seit der russischen Invasion im Februar 2022 wurde die Idee hochpolitisch, denn es herrscht seither Krieg in Kyiv. So ist diese besondere Biennale zu einer künstlerischen Anklage geworden: gegen die aggressiven rücksichtslosen Übergriffe Russlands bzw. historisch der früheren Sovjetunion. Der Titel sagt, dass Vögel, die Symbole für Frieden und Freiheit, im Augenblick keinen Ort finden, wo sie sicher landen können. Die Kyiv Biennale musste aus der Kriegsregion ausweichen und ist eine nomadische Ausstellung geworden, die in mehreren europäischen Städten bereits mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfand. Jetzt ist sie im KW-Institut for Contemporary Art in Berlin eindrucksvoll zu sehen.
Künstlerinnen und Künstler visualisieren gelebte Erfahrungen, teils mit starkem dokumentarischen Charakter, teils symbolisch. In einem Bereich, der „Middle-East-Europe“ genannt wird und über den Balkan bis zum Mittelmeer reicht, thematisiert die Biennale Ereignisse, wie Russland mit Gewalt seinen Einflussbereich vergrößern will.
Die Kunstschaffenden stammen aus der Ukraine, der Türkei, Israel, aber auch aus Palästina Vertriebene, aus Kasachstan, dem Libanon, dem Kosovo, Usbekistan, Rumänien, Georgien, Afghanistan und Deutschland.

Hito Steyerl und Philipp Goll sehen bespielsweise auch im Bau der Gas-Pipelines nord stream 1 und 2 einen „Russisch-Deutschen Pipeline-Kolonialismus“. Eine Mehrkanalvideoprojektion thematisiert dies beeindruckend, verstärkt durch eine verschlungene Röhreninstallation im tiefdunklen Raum.


Daneben ergänzt ein Film aus alten Archivaufnahmen ukrainischer Filmemacher aus den 1980ger Jahren diese These. „Where Russia ends“ heißt eine Art Road-Movie durch Sibirien und den Hohen Norden Russlands, die Oleksiy Radynski 2024 mittels umfangreicher Recherche neu interpretieren konnte. Die Sovietunion führte demnach blutige Kämpfe gegen indigene Bevölkerungsgruppen in Sibirien, um zunächst eine lange Eisenbahnstrecke zu bauen und Ressourcen aus der Erde zu gewinnen. Gleichzeitig dienten Siedlerkolonialismus und Umweltzerstörung auch dem Bau der langen Gas-Pipelines.


Im großen Saal führt uns eine Videoinstallation von Lesia Vasylchenko vor Augen, wie der Himmel mit seinen Sternen über der Ukraine all seine romantische Verklärung verloren hat. Was jetzt am Himmel aufleuchtet, sind Drohnen und Geschosse, die totale Bedrohung. Nur im oberen Teil ist ein wenig Morgendämmerung als Hoffnungsschimmer dargestellt. Die unteren Filmausschnitte stammen aus den Jahren 1918 bis 2025.


Auch Afghansitan wurde von der russischen Armee schon in den 1980ger Jahren überfallen. Davon zeugt der Film von Lida Abdul „In Transit“: ein Flugzeugwrack in der Nähe von Kabul und eine Gruppe von Kindern, die darin und darauf klettern und spielen! Für sie handelt es sich nicht um ein Relikt der Gewalt, sondern um einen Ort zum Austoben.


Doch es gibt auch aethetisch schöne, wenn auch nicht unschuldige Kunstwerke in der Ausstellung: von Mona Hatoum erleutet eine sich drehende orientalische Laterne den Raum, die Bilder an die Wände projeziert. Doch es sind keine Ornamente der Gemütlichkeit, sondern bewaffnete Krieger.


Im Obergeschoss finden sich herrlich bunte Glas-Objekte. Doch auch sie sind Symbole für Verlust, Trauer und Schmerz. Nedia Saedi erinnert an eine traurige Statue „Mutter Heimat“, von der sie Körperfragmente wie eine Hand oder einen gesenkten Kopf als Vorbild genommen hat.
Es ist ein besonders bewegender Besuch dieser Anti-Kriegs-Austellung , die uns deutlich klar macht, dass immer noch in Europa, nicht weit von uns entfernt ein aggressiver Krieg mit vielen Opfern herscht.
Initiator und Co-Kurator ist Vasyl Cherepanyn ist auch designierter Kurator der 2027 stattfindenden Berlin-Biennale. Mit der eindrucksvollen Kiyv-Biennale bekommen wir vielleicht schon einen Hinweis, was uns im kommenden Jahr geboten wird.

Vasyl Cherepanyn 
KYIV-Biennial „A Bird That Cannot Land“, 11.6.2026 bis 13.9.2026 im KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69, Berlin
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Ein Plädoyer für die Relevanz von Kunst für eine lebendige Demokratie
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt der Kunst „FREIRAUM“ im Schloss Bellevue

Noch nicht ganz fertig….. Riesig prangt das Motto auf dem Dach der Fassade des ranghöchsten Gebäudes unseres Landes: FREIRAUM KUNST. Wie eine Graffito erinnert es an ein Hausbesetzung. Und das ist es auch. Für 2 Wochen besetzt die Kunst das Schloss Bellevue, den Amtssitz des Bundespräsidenten.

Frank Walter Steinmeier hat Bellevue mit Freude der Kunst überlassen. Er betont in seiner Eröffnungsrede seine ausgewiesene Wertschätzung:
„Für mich ist die Ausstellung schon wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der Debatten, die wir führen, etwas in den Hintergrund geraten scheint.
Kunst und Kultur einzuladen, ihre Gedanken, Reaktionen und Kommentierungen zu gesellschaftlichen Fragen gerade auch in wichtigen Veränderungesprozessen beizutragen, das könnte eigentlich zur Selbstverständlichkeit werden, denn demokratische Gesellschaften leben nun mal von unterschiedlichen Stimmen. Kunst macht unterschiedliche Erfahrungen, Prägungen und Lebenswelten sichtbar. Kunst ist in diesem Sinn eben kein Luxus, sondern essentieller Teil der demokratischen Debatte.
Warum? Weil sie wesentliche Erinnerungen bewahrt. Weil sie den Status Quo hinterfragt. Weil sie den Finger in offene Wunden legt und weil sie in ihrer ganz eigenen Nähe zur Realität manchmal überraschende Perspektiven nach vorne holt.
Kunst spürt in Umbruchsituationen schneller als andere, was in der Luft liegt.
Mit anderen Worten: Wir als Gesellschaft, wir brauchen Kunst! Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik und eine Kunst ohne Freiheit verliert gesellschaftliche Relevanz.
Kunst braucht vielleicht auch Gelegenheiten wie diese : die Einladung in den öffentlichen Raum mit der Bitte sich zu den Zäsuren und Veränderungen im Alltag zu Wort zu melden.“
Weiter zur gezeigten Kunst!


Das Dach-Banner wurde von Christian Awe gestaltet, einem der Mitinitiatoren der Ausstellung.
„Blau als die Farbe der Freiheit, der Sehnsucht, des Träumens und im Hintergrund sind die Wasserelemente: Ich male Wasser als Element des Lebens, als Quelle des Lebens, als kraftvolles Element, das aber auch schnell durch die Hände verrinnt, wie aktuell auch die Demokratie, wofür die Grundlage Toleranz und Dialog sind, was wir hier mit der Ausstellung erreichen wollen. „

Anh-Linh Ngo 
Christian Awe Dass diese Ausstellung in kürzester Vorbereitungszeit organisiert werden konnte, ist der Akademie der Künste zu verdanken mit dessen Vizepräsidenten Anh-Linh Ngo als Kurator. Er hatte 2023 auch vielbeachtet den Deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig 2023 kuratiert.

„Die Bundespräsidentin“ 
Männerdebatten Gleich im Foyer stellt El Bocho – der zweite Initiator der Ausstellung -zwei große Gemälde einander gegenüber: auf der einen Seite die fiktive „Bundepräsidentin“. Ihr gegenüber steht ein männlich dominiertes Netzwerk – ohne Köpfe – wie es die Poltik von heute prägt. Im ursprünglichen Zustand hingen an den Wänden die Portraits bisheriger Bundespräsidenten beginnend bei Friedrich Ebert und Theodor Heuss. Warten wir aber jetzt nicht alle gespannt auf unsere erste Präsidentin?
Vom Christopher Lehmpfuhl , dem dritten Initiator sind zwei Bilder im Treppenhaus zu finden. Mit seinem speziellen dick-pastösen Farbauftrag dokumentiert er nochmal leere Hallen und das Amtszimmer des Präsidenten vor der Sanierung.


Der Langhans-Saal im Schloss ist der Ort, wo der Präsident seine Staats-Reden hält. Er durfte nicht künstlerisch verändert werden, da bis zum Einzug in das Interimsgebäude am Spreebogen möglicherweise noch wichtige Ereignisse eine öffentliche Rede notwendig machen.


Doch die Künstlerin Karin Sander stellte stellvertretend Frank-Walter Steinmeier hier als 1:5 3D-Miniatur auf einen Sockel. Es steckt der Denkanstoß darin, das Spannungsfeld zwischen Person und Amt stets zu bedenken. Dabei begeistert die lebensechte Figur die Besucher*Innen offensichtlich, löst aber auch unterschiedliche Emotionen aus.
Auch die bekannte Berliner Künstlerin Katharina Grosse steuert eine Assemblage von Farbtafeln bei. Sehen wir darin ein buntes Flammenmeer? Oder eine Farbexplosion als Gute Wünsche für eine prächtige Neugestaltung des altehrwürdigen Schlosses?

Katharina Grosse 
Boris Mikhailov Wie gute Kunstwerke im Lauf ihres Lebens auch an Bedeutung Veränderungen erleben können, zeigt beispielhaft das Foto von Boris Mikhailov. „Mutter und Kind“ entstand 1990 in der Ukraine auf der Krim. Damals war es ein Ausdruch von Freiheit und Lebensfreude. 2014 anektierte Russland die Halbinsel Krim und greift seit 2022 die ganze Ukraine militärisch an. Das läßt beim heutigen Anblick des Bildes eher Wehmut und Trauer aufkommen.
Gregor Schneider ist bekannt für seine hintergründige Verdoppelung und Bedeutungsänderung schlichter Räume. Er entdeckte, dass in der Nachbarschaft seines Elternhauses in Rheydt das Geburtshaus des NS-Propagandaminister Joseph Goebbels steht. Der Künstler kaufte es, dokumentierte die Räume per Video und entkernte es langsam fein säuberlich. Auch dieser Prozess wurde per Video festgehalten. Die Filmsequenzen entwickeln im Schloss Bellevue, dem Symbol für unsere freiheitliche Demokratie angesichts der grausamen Geschichte, für die Goebbels wesentlich mitverantwortlich war, einen tiefen Gruselfaktor.



Diese und weitere ausgewählte Kunstwerke befinden sich zweifelsohne in einem politischen Umfeld. Doch auch ohne plakative politische Gestaltung können sie zeigen, dass sie politisch sind. Kunst ist in der Lage, bei ihrer Betrachtung in den Menschen neue kreative Gedanken anzustoßen und die brauchen wir für eine lebendige Demokratie. „Freiraum Kunst“ ist ein wichtiges Bekenntnis zur Relevanz von Kunst für unsere Gesellschaft und absolut sehenswert.
„FREIRAUM KUNST- Akademie der Künste goes Bellevue“, 13. – 28. Juni 2026 Schloss Bellevue, Berlin; Zeitfenster-Tickets online zu buchen
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